Pickelhauben am Schlump

Anzeige
Beim Dreh im „Rathaus von Köpenick“ (Finanzamt Schlump): Heinz Rühmann, noch ganz leger vor stramm stehenden Sodaten. Foto: Film und Fernsehmuseum Hamburg e.V.

Neue Serie: Heute „Der Hauptmann von Köpenick“

Rotherbaum. Ein Trupp Soldaten in den Uniformen des Kaiserreichs mit Pickelhauben und Schnautzern marschiert durch die kleine Monetastraße. Wird von einem Hauptmann befehligt, der gar keiner ist. An der Ecke Beim Schlump geht´s ins damalige Finanzamt, über dessen Eingang aber mit schnörkeliger Schrift „Rathaus“ steht. Das alte Verwaltungsgebäude mit dem markanten Türmchen aus den Jahren 1904/05 war Filmstar geworden, damals Mitte der 1950er Jahre. Es spielte das Rathaus von Köpenick in einem der berühmtesten und erfolgreichsten Filmen im Nachkriegsdeutschland: „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in der Titelrolle.
Weil das echte Rathaus von Köpenick im damaligen Ost-Berlin steht, und der Film von der Hamburger Real-Film produziert und zu einem großen Teil in dessen Studios in Tonndorf (heute Studio Hamburg) gedreht wurde, verlegte man auch die Aufnahmen im und vor dem Rathaus nach Hamburg. Am Schlump wurden die Filmemacher fündig. Das frühere Finanzamt atmete noch ganz und gar den Verwaltungsmief des Kaiserreichs. Heinz Rühmann war als Hauptbesetzung übrigens nicht unumstritten. Auch Curd Jürgens und Hans Albers waren im Gespräch. Rühmann galt als Komödienstar und nicht unbedingt für ernste Rollen geeignet. Doch Regisseur Helmut Käutner wollte niemand anderen als Rühmann, machte seine Mitarbeit von Rühmann als Hauptdarsteller abhängig.
Käutners Verfilmung des Dramas von Carl Zuckmayer aus dem Jahre 1930 war bereits die dritte filmische Bearbeitung, wurde aber die mit Abstand erfolgreichste. Die Geschichte vom Schuster Wilhelm Voigt, die sich 1906 wirklich zugetragen hatte, bewegte die Menschen. Voigt hatte keine Arbeit gefunden, weil er nach einem Gefängnisaufenthalt keine Aufenthaltsgenehmigung erhielt, - weil er keine Arbeit hatte. Daraufhin kaufte er sich eine Uniform, zog sie an und befehligte einen Trupp Soldaten, besetzte das Rathaus Köpenick, in der Hoffnung hier seine Papiere zu bekommen.
Das Ganze flog auf, aber selbst Kaiser Wilhelm II. konnte über die Geschichte lachen. Zehn Millionen Menschen hatten den Film schon nach fünf Monaten gesehen. Er erhielt fünf Bundesfilmpreise, den Bambi und den Preis der deutschen Filmkritik, Prädikat „besonders wertvoll“. Am Schlump wurde Filmgeschichte geschrieben. (ch)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige