Pilgern nach Vergewaltigung

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Wochenlang hatte die Polizei nach Frank W. gesucht Foto: Polizei

47-Jähriger gesteht im Prozess brutale Tat in Alsterdorf. Festnahme nach Flucht

Von Martin Jenssen
Alsterdorf. Das schreckliche Verbrechen geschah am Morgen des 15. September 2012 in der Hindenburgstraße in Alsterdorf. Der ehemalige Hinz&Kunzt-Verkäufer Frank W. (47) überfällt eine 58-jährige Frau. Er beraubt und vergewaltigt sie. Jetzt muss sich der mutmaßliche Täter für die grausame Tat vor dem Hamburger Landgericht verantworten.
Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft: Der Angeklagte soll gegen 9.45 Uhr im Garten auf sein Opfer gelauert haben. Er drückt ihr eine Gaspistole ins Gesicht und zwingt sie dazu, mit ihm über die Terrasse in die Wohnung zu gehen. Er verklebt ihre Augen mit Klebeband und fesselt sie an Händen und Füßen. Große Geldbeträge und Wertsachen findet er nicht in der Wohnung. Aus Verärgerung darüber soll er die Frau in ihr Schlafzimmer geschleppt und dort ihre Bluse mit einem Messer aufgeschnitten haben. Nach der Vergewaltigung zerrt er sein Opfer ins Badezimmer. Dort duscht er die Frau ab, um Spuren zu beseitigen. Er lässt sie in der halbvollen Badewanne liegen. Mit seiner Beute, knapp 30 Euro sowie den Papieren des Opfers verlässt er den Tatort. Die Polizei findet DNA von Frank W. am Tatort. Trotz Großfahndung – sogar mit einer Ausstrahlung des Falls bei „Aktenzeichen XY“ - gelingt es der Kripo lange Zeit nicht, den Täter zu fassen. Frank W. ist mit einem Fahrrad über die Niederlande und Frankreich nach Spanien geflohen. Dort begibt er sich „zur Buße“ auf den Jakobsweg. Nachdem er 16 Stationen mit dem Pilgerbuch abgelaufen hat, wird er festgenommen. Seit Februar sitzt er im Hamburger Untersuchungsgefängnis.
Vor Gericht räumt der Angeklagte die Vergewaltigung ein. Dann schildert er seinen außergewöhnlichen Lebenslauf: Seine Mutter wollte ihn als Baby nicht haben, da er aus einer Vergewaltigung stammte. Deshalb wuchs er bei seinen Großeltern auf, die auf einem Einödhof im Bayerischen Wald lebten. Als Jugendlicher wird er mehrfach straffällig. Er überfällt eine Bank in Straubing, erbeutet dabei über 100.000 Euro. Sehr bald nach der Tat wird er geschnappt. Das Landgericht verurteilt ihn zu einer Haftstrafe von sechs Jahren.
Im Knast legt er die Mittlere Reife ab, macht eine Ausbildung zum Drucker. Durch eine Brieffreundschaft lernt er seine spätere Frau, eine Hamburger Redakteurin kennen. Nach seiner Haftentlassung wird geheiratet. Das Ehepaar zieht nach Winterhude. Durch Beziehungen bekommt Frank W. einen Job im Bonner Bundestag. Er wird Referent der innenpolitischen Sprecherin der PDS. Die politische Karriere ist jedoch schnell beendet. Zurück in Hamburg landet er als Türsteher auf der Reeperbahn. Auf St. Pauli kommt er in Kontakt mit Drogen. Um sich Geld für Kokain zu beschaffen, überfällt er vier Ladengeschäfte. Die Strafe: sechs Jahre Gefängnis. Wieder nutzt er die Haftzeit, um sich weiterzubilden. Er lässt sich als Freigänger zum Webdesigner ausbilden. Dabei verliebt er sich in eine Diplompsychologin. Als er von ihr verlassen wird, begeht Frank W. erneut zwei Überfälle. Strafe: sechs Jahre Gefängnis. Diesmal studiert er während der Haftzeit Religionspädagogik. Sein Wunsch: Er will Mönch werden. Doch statt im Kloster landet er wieder auf dem Kiez, diesmal als Obdachloser. Er wird Hinz&Kunzt-Verkäufer, bekommt einen guten Standplatz am Mühlenkamp. Dort ist er sehr beliebt. Hilfsbereit schleppt er älteren Damen die Einkaufstaschen nach Hause. Von dem Geld, das er dort verdient, kauft er sich ein Campinghäuschen in Jesteburg. In der Woche wohnt er bei einer neuen Freundin in Hamburg. Am 9. September fährt die Freundin zu einem Wellnessurlaub nach Österreich. Am 15. September begeht Frank W. die furchtbare Tat in Alsterdorf.
Seine Freunde von Hinz&Kunzt schreiben ihm einen offenen Brief: „Frank, stell dich! Wir sind überzeugt, dass du ein Unrechtsbewusstsein hast! Das Opfer wird ein Leben lang unter der Tat leiden. Der Einzige, der dem Opfer ein kleines Stück Gerechtigkeit widerfahren lassen kann, bist du, indem du dich stellst und die Verantwortung übernimmst.“ Den Brief hat Frank W. nie gelesen. Dennoch schämt er sich für die Tat. „Ich war selbst über mich erschüttert“, sagt er dem Gericht. In der Nacht zum 16. September steht er wieder vor Tür seines Opfers in Alsterdorf. „Ich wollte mich entschuldigen“, sagt er. Vor ihre Tür legt er ihre EC-Karte und ihre Papiere. Dann beginnt seine lange Flucht.
Das Urteil soll am 12. August
gesprochen werden.
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