Prozess gegen Unfallfahrer

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Die Eppendorfer Bevölkerung nahm starken Anteil an dem schweren Verkehrsunfall vom 12. März letzten Jahres. Jetzt steht der Unfallverursacher vor Gericht. Foto: Hanke

Angeklagter beharrt auf Schweigepflicht der Ärzte

Eppendorf. Gefasst, klar, sicheres Auftreten. So haben Zeugen des schwersten Eppendorfer Verkehrsunfalls vom 12. März letzten Jahres den Unfallverursacher unmittelbar nach der Katastrophe in Erinnerung. Seit zwei Wochen wird gegen den Fahrer, der diesen Unfall auf der Kreuzung Eppendorfer Landstraße/Eppendorfer Baum verursacht hat, vor dem Landgericht Hamburg verhandelt. An zehn Verhandlungstagen weden 28 Zeugen gehört. Das Gericht erhofft sich von ihren Aussagen Aufschluss darüber, ob ein epileptischer Anfall des Angeklagten kurz bevor er mit rund 100 Stundenkilometern auf der falschen Fahrbahn der Eppendorfer Landstraße auf die Kreuzung raste, den Unfall, bei dem vier Menschen starben und weitere verletzt wurden, ausgelöst hat. Der Angeklagte schweigt. Schon vor Beginn des bislang letzten Prozesstages sitzt er unbeweglich, ohne eine Miene zu verziehen neben seinem Anwalt. Langsam füllt sich der Gerichtssaal.
Die Richterin erscheint, beginnt zügig mit der Verhandlung. Klar und resolut leitet Birgit Woitas das Verfahren, unterbricht, wenn ihr die Ausführungen des Verteidigers zu spitzfindig erscheinen, fasst schnell zusammen, hört den Zeugen aufmerksam zu, spricht freundlich und verständlich. Viele Personen, die den Verursacher der Katastrophe unmittelbar nach dem Unfall gesehen und gesprochen haben, wurden vorgeladen. Ein Zeuge sagte aus, dass der Unfallfahrer offenbar wach und ansprechbar aus dem Fenster seines Wagens geschaut habe. Ein anderer schilderte ihn als mitgenommen, aber nicht verwirrt oder abwesend. Ein junger Polizeimeisteranwärter, der den Unfallfahrer ins Krankenhaus begleitet hatte, erinnerte sich an sicheres Auftreten und sichere Sprache des Angeklagten, an ein „nomales Auftreten“. Als man ihm die Nachricht vom Tod zweier Unfallopfer überbracht habe, sei er ganz still geworden. Als er seine Mutter im Krankenhaus gesehen habe, habe er geweint. Auch einen Joint, den er in der Nacht vor dem Unfall um zwei Uhr geraucht habe habe der Angeklagte erwähnt, berichtete der junge Polizist. Worauf die Sachverständigen, darunter Professor Klaus Püschel, Leiter der UKE-Abteilung für Rechtsmedizin, mehr über die Nacht vor dem Unfall erfahren wollten. Doch der Angeklagte schweigt. Dafür sprach seine Verlobte und berichtete Überraschendes: obwohl sie seit 15 Jahren mit dem Angeklagten liiert ist, habe sie nichts von epileptischen Anfällen ihres Verlobten gewußt. Frühere Mitarbeiter des Angeklagten bezeugen hingegen epileptische Anfälle des Unfallfahrers, weshalb sein früherer Chef ihm das Fahren von Firmenwagen untersagte. Pikant: der Anwalt des Angeklagten, der ihm vor drei Jahren eine Fahrerlaubnis erstritt, legte kurz vor Beginn des Prozesse nicht nur sein Mandat nieder, sondern gab auch seine Rechtswanwaltskanzlei auf. Da der Angeklagte Ärzte, die ihn behandelt haben, und auch dem Rettungssänitäter und der Notärztin, die ihn nach dem Unfall befragten, nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden hat, gestaltet sich die Aufklärung der Unfallursache schwierig. Einig sind sich die Fachleute allerdings darüber, das der Drogenkomsum des Unfallfahrers in der Nacht vor dem Unfall keinen Einfluss auf sein Fahrverhalten gehabt hat. Als Nebenkläger treten die Söhne der bei dem Unfall getöteten Eheleute Sybille und Dietmar Mues auf. Der Angeklagte würdigt sie keines Blickes, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen. Die Verhandlung wird an den folgenden Tagen fortgesetzt: (ch)
- 16.04.2012
- 19.04.2012
- 23.04.2012
- 26.04.2012
- 07.05.2012
- 10.05.2012, jeweils ab 9 Uhr im Saal 237, Landgericht Hamburg, Sievekingsplatz 3
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