Quartier verliert Gesicht

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Bagger frisst Haus: Binnen weniger Stunden war die 110 Jahre alte Villa Geschichte.

Klein Borstel: Apartmenthäuser statt Villen. Anwohner protestieren

Von Bert C. Biehl
Klein Borstel. Knirschend fressen sich die stählernen Kiefer des Abrissbaggers in die Backsteinwand. Staub wirbelt auf, als der Bauschutt prasselnd zu Boden stürzt. Holz birst, Glas splittert, mit einem Ächzen bricht der Rest des Dachstuhls ein. Mehr als 110 Jahre stand die kleine Villa an der Wellingsbütteler Landstraße 253. Nun ist es in wenigen Stunden Geschichte. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite steht ein Fotograf, dem diese Szenerie in der Seele weh tut. „Hier verschwindet ein Haus, das eines der ersten überhaupt im Stadtteil war und eine interessante Vergangenheit hat“, bedauert Eckhard Stubel. Der Klein Borsteler spürt seit langem der Historie seines Stadtteils nach, betreut das Klein-Borstel-Archiv der Willi-Bredel-Geschichtswerkstatt.
Vergeblicher Kampf
Stubel hatte für den Erhalt des Hauses gekämpft, die Politiker alarmiert und auch das Denkmalschutzamt – vergebens. Bald wird an dieser Stelle ein moderner Bau mit zehn Eigentumswohnungen stehen.
Wer die Wellingsbütteler Landstraße entlang fährt, durchquert viele architektonische Epochen. Hier ein verspieltes Schlösschen aus der Jahrhundertwende, da eine Backsteinvilla aus den 30er-Jahren, dort ein Mehrfamilienhaus im sachlichen 60er-Jahre-Design. Immer öfter jedoch weisen Baulücken, Bagger und Betonwürfel darauf hin, dass das Quartier einem starken Wandel unterworfen ist.
„In den vergangenen Jahren wurden viele alten Villen abgerissen und durch fantasielose Wohnklötze ersetzt“, sagt Eckart Stubel. Vor allem Alster-seitig ist der Baustilmix besonders krude – hier sind die Grundstückspreise am höchsten, hier wird jeder verfügbare Quadratmeter mit Bagger und Beton in noch mehr Wert gesetzt. Das ist einer der Gründe, weshalb Stubel befürchtet, dass zukünftig weiterer alter Hausbestand verschwinden könnte. „Immer mehr belanglose Neubauten führen dazu, dass unser Quartier sein Gesicht verliert“, sagt Stubel. Die Befürchtung könnte berechtigt sein. Denn das Haus Wellingsbütteler Landstraße 253 hatte sogar mal eine Bedeutung für die einst ländliche Gegend vor den Toren Hamburgs.
In dem Ende des 19. Jahrhunderts gebauten Haus mit der heutigen Nummer 253 etablierte sich ein Ausflugscafé. Zuletzt war es dann ein Wohnhaus, das wegen seiner Bauweise mit Stuck und reliefartigen Fassadenverzierungen einen typischen Vertreter seiner Zeit darstellte.
Das räumte sogar das Denkmalschutzamt ein, das Stubel im Januar eingeschaltet hatte. Dessen Mitarbeiter kamen allerdings bei einer Besichtigung zu dem Urteil: nicht schutzwürdig. Schwer wogen vor allem Veränderungen des Originalzustandes, wie er noch auf alten Ansichtskarten dokumentiert ist: Nachträglich waren Fenster eingebaut worden, Zierhölzer im Giebelbereich beseitigt, die einstige Kaffeeterrasse abgebrochen worden. „Letztlich handelt es sich um einen vergleichsweise konventionellen Bau, der zwar eine frühe Phase der städtebaulichen Entwicklung der Wellingsbütteler Landstraße anschaulich macht und dessen Erhalt daher aus unserer Sicht durchaus wünschenswert ist, aber nicht die Kriterien eines Baudenkmals erfüllt“, so Denkmalschützerin Christine Onnen.
Baudenkmal hin oder her - Einwohner des Quartiers kritisieren, dass sich dessen Charakter durch den Abriss alter Häuser massiv verändere. Anke Wegener, deren Mann zu Lebzeiten alte Fotos von Klein Borstel für das Archiv des Heimatvereins zusammentrug, findet dafür nur ein Wort: „Furchtbar.“ Noch deutlicher wird die Ur-Klein-Borstelerin Vera Klose: „Jetzt muss mal Schluss sein mit Abreißen.“ Die alten Häuser hätten früher die Allee gesäumt „wie Perlen auf der Schnur“, erinnert sich die Seniorin.
Wenn auch dieses Haus nicht zu retten war – gäbe es die Möglichkeit, das Quartier quasi unter Milieuschutz zu stellen? Dies Anliegen hatte Stubel bereits im Januar an die zuständigen Ausschüsse herangetragen. Die Antwort der Politiker steht noch aus. (bcb)
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