Streit um Namen

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Die Verkehrsachse Hindenburgstraße führt durch vier Stadtteile. Die Grünen möchten einen anderen Namen für diese Straße. Foto: Hanke
 
Auf dem Podium diskutierten (von rechts) Grünen-Fraktionsvorsitzender Michael Werner-Boelz, René Senenko (Bündnis für ein Deserteursdenkmal), Moderator Manuel Sarrazin (MdB), Historikerin Prof. Dr. Ursula Büttner und Historiker Dr. Hakim Raffat. Foto: Gemeinholzer

Bürgerdiskussion: Ist „Hindenburg“ noch zeitgemäß?

Von Anne Gemeinholzer
Hamburg-Nord. Die Hindenburgstraße muss weg, fordern die Grünen in Hamburg-Nord. Dass sie mit ihrem Antrag zu einer Umbenennung der Straße einen Nerv getroffen haben, zeigte auch der große Zuspruch bei einer von der Fraktion initiierten Podiumsdiskussion im Goldbekhaus. Dabei wurde unter den rund 30 Zuhörern äußerst kontrovers diskutiert, ob eine Umbenennung hilfreich wäre. Heiß umstritten war auch einer der Alternativvorschläge: Rosa-Luxemburg-Straße.
Diesen Ersatznamen hatte das Bündnis für ein Deserteursdenkmal ins Spiel gebracht. „Diese lange Straße wäre würdig, nach dieser mutigen Frau benannt zu werden“, sagte Sprecher René Senenko. Der jetzige Name Hindenburgstraße dagegen sei Ausdruck des zwar abgemilderten, aber ungebrochenen Kults für Kriegerdenkmäler. „Ich habe leise Bedenken ob des Friedens in der Bevölkerung“, sagte Zuhörer Andreas Reichel zum Vorschlag Rosa Luxemburg. Die sei zwar eine sehr tapfere Frau gewesen, aber eben auch Kommunistin.

Rosa Luxemburg als Alternative?

„Wenn wir Hindenburg wegkriegen wollen und als Alternative Rosa Luxemburg angeben, bin ich mir sicher, dass es nicht erfolgreich ist“, sagte Grünen-Fraktionsvorsitzender Michael Werner-Boelz.
„Warum sollte man in Hamburg immer pflegeleichte Namen nehmen, warum nicht kontrovers?“, plädierte dagegen Reinhardt Silbermann für Rosa Luxemburg. Auch in anderen Weltstädten berufe man sich auf die Humanistin.
„Die erste Empfängerin des Friedenspreises, Bertha Suttner, wäre eine würdige Empfängerin“, meinte dagegen Hein Hocker. „Es gibt im westlichen Teil der Hindenburgstraße einige Straßen, die unmittelbar auf die Hindenburgstraße treffen und nach Opfern des Nationalsozialismus benannt sind. Da steht der Senat offenbar mit dem linken Fuß auf dem rechten“, so Hocker.
„Hindenburg war Militarist und hat 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass Hindenburg Ehrenbürger Hamburgs ist und eine Straße nach ihm benannt ist“, sagte Grünen-Fraktionsvorsitzender Werner-Boelz.

Kritische Auseinandersetzung

Immer mehr Städte setzten sich kritisch damit auseinander. So entzog Stuttgart dem ehemaligen Reichspräsidenten 2010 die Ehrenbürgerwürde. „Die Frage, wen man ehrt und wem man Denkmäler errichtet, zeigt das politisch-kulturelle Wertesystem einer Gesellschaft. Es geht um den inneren Zusammenhalt“, so der Grüne.
„Ich möchte klarstellen: Hindenburg war kein netter Opa“, brachte Reinhardt Silbermann seine Meinung auf den Punkt.
Dass Straßen nach Personen benannt werden, habe eine große Tradition am Ende des 19. Jahrhunderts, „wobei es auch um die Ehrung ging, die Person für die kommende Generation in Erinnerung zu behalten“, sagte Historiker Dr. Hakim Raffat vom Stadtteilarchiv Eppendorf. „Im Fall von Hindenburg wäre eine Umbenennung nützlich, sie wäre eine Rekapitulation der historischen Ereignisse, die neue Diskurse in der Stadt in Gang bringt“, folgerte der Historiker. Ein Berufskollege aus dem Plenum schlug in dieselbe Kerbe: „Hindenburg steht dafür, wieder Krieg zu führen. Militarismus ist aber nicht eine Frage nur der Vergangenheit“, so der Historiker. Für eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte seien Schulunterricht und Museen der richtige Ort – nicht aber Straßennamen, sagte dagegen der Grüne Werner-Boelz.
„Mich irritiert die Praxis, Straßen umzubenennen“, sagte Mediziner Stefan Wick. „Man muss die Straßennamen für die jungen Leute erhalten, damit die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät“, begründete er. Zudem seien mit einer Umbenennung enorme Kosten verbunden. (ag)
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2 Kommentare
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Wolfgang C. P. Wriedt aus Winterhude | 10.01.2013 | 11:25  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 15.01.2013 | 10:55  
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