Ein dunkles Kapitel

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Andrea Hauser (l.) und Gerda Engelbracht haben die Nachkriegsgeschichte der damaligen Alsterdorfer Anstalten in ihrem Buch „Mitten in Hamburg“ aufgearbeitet Fotos: Hanke

Buch: Gewalt gegen Behinderte in den Alsterdorfer Anstalten

Alsterdorf. Mit einer Buchveröffentlichung arbeitet die Evangelische Stiftung Alsterdorf ihre Geschichte beziehungsweise die Geschichte ihres Vorgängers, der Alsterdorfer Anstalten, auf. Kürzlich wurde in der Alten Küche am Alsterdorfer Markt, dem Zentrum der Stiftung, das Buch „Mitten in Hamburg“ von Gerda Engelbracht und Dr. Andrea Hauser vorgestellt, das erstmalig die Geschichte der Anstalten von 1945 bis 1979 behandelt, eine Zeit voller Gewalt gegen die geistig behinderten Menschen, die sich in der Obhut der Alsterdorfer Institution befanden. Die beiden Autorinnen charakterisieren die Alsterdorfer Anstalten als Verwahranstalt, in der die Insassen eingeschlossen und einem streng regulierten System von Bestrafung und Belohnung unterworfen waren. Sie wurden mit Medikamenten ruhig gestellt, fixiert, geschlagen, mussten strafsitzen und strafstehen. Viele dieser Details waren selbst Menschen, die mit der Entwicklung der Anstalten vertraut waren, nicht bekannt. Ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner bestätigten bei der Vorstellung des Buches dieses düstere Bild, das die Autorinnen gezeichnet hatten. Frühere Schwestern berichteten aber auch von menschlicher Zuneigung aus diesen Jahren.
Entsprechend dem Zeitgeist blieben viele nationalsozialistisch geprägte Menschen nach 1945 in Alsterdorf im Amt oder wurden wieder eingestellt. Viele von ihnen schufen die autoritär geprägten Strukturen der Nachkriegszeit, die in den 1970er Jahren, ebenfalls als Ergebnis des Zeitgeistes, nicht mehr zu halten waren und sich ab 1979 auflösten. Wie konnten diese Zustände so lange andauern? Gerda Engelbracht hat eine verblüffend und erschreckend einfache Antwort: „Es gab für die Unterbringung von Behinderten kaum Alternativen.“
Hanns-Stephan Haas, der derzeitige Direktor der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, bat die Opfer der Gewalt in den damaligen Alsterdorfer Anstalten bei der Buchvorstellung um Verzeihung. „Mitten in Hamburg ist für 19,80 Euro im Buchandel erhältlich. (ch)
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