Kneipier Schorsch tritt ab

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Georg Däxl, von seinen Gästen Schorsch genannt, geht in den Ruhestand Foto: mdt
 
Georg Däxl hat in 36 Jahren seine Windrose liebevoll dekoriert Foto: mdt
Hamburg: Wandsbeker Chaussee 178 | Wirt der „Windrose“ übergibt am Ostersonntag nach 36 Jahren an Nachfolger

Von Marco Dittmer
Eilbek
Wer glaubt, dass Hamburgs urigste Kneipe auf St. Pauli, in Pöseldorf oder am Wasser liegt, sollte mal nach Wandsbek fahren. Hinter einer unscheinbaren grauen Metalltür und vergilbten Gardinen versteckt sich die Kneipe „Zur Windrose“, eine selbst für maritim verwöhnte Hamburger gemütliche Hafenkneipe, die von einem Ur-Bayern betrieben wird. Nach 36 Jahren gibt Georg Däxl nun den Zapfhahn in Wandsbeker Chaussee 178 ab. Am Ostersonntag stößt er ein letztes Mal mit seinen Gästen an. Bis in den letzten Winkel hat Georg Däxl – am Tresen der „Windrose“ immer Schorsch genannt – seinen Traum einer Hafenkneipe mit Wimpeln, Fähnchen, Schiffsmodellen und kernigen Sprüchen auf Emailletafeln geschmückt. Nur das Weißbier in seiner Hand sticht heraus. Aber von dem bayerischen Nationalgetränk kann der in Hagenhill geborene Wirt auch nach mehr als 58 Jahren Hamburg nicht lassen. Nach 36 Jahren will er nun damit abschließen – nicht mit dem Weißbier, mit der Windrose. Zwar hat sich Däxl mit 76 Jahren den Ruhestand mehr als verdient, ganz freiwillig ist sein Abschied aber nicht.

Leben genießen


„Die Arbeit wurde in den Jahren immer schwerer für mich“, sagt Schorsch. Seine Lebensgefährtin nickt. Marianne Gerhardt weiß, mit was für Schmerzen sich ihr Schorsch nach einem anstrengenden Tag, der meist in den frühen Morgenstunden endete, ins Bett legt. Nun wollen sie gemeinsam ein Leben ohne Arbeit genießen. Pläne haben sie noch nicht gemacht, das hat Marianne aber auch verboten. „Keine Ausflüge oder Reisen in den ersten drei Wochen“, sagt die 74-Jährige, die in der „Windrose“ häufig selbst hinterm Tresen stand. Zum Ende gibt’s ein großes Fest: Für seine 40 liebsten Stammgäste will Georg Däxl an den Osterfeiertagen nochmal was auftischen, Spanferkel und Bierfässer hat er dafür geordert. Wenn er danach seine Windrose schließt, beginnt ein neues Leben für den Eilbeker, der schon in den 1970er Jahren auf der Reeperbahn mit seinem Grillimbiss im Bayerisch Zell als Hachsen-Schorsch bekannt.

Kneipe war wie Nachbarschaftstreff


Für seine Gäste geht mit Schorsch auch „eine Ära zu Ende.“ Dieter Elstner kehrt schon viele Jahre in der Windrose ein. „Es ist unser zweites Wohnzimmer“, sagt der Wandsbeker. Für seine Gäste war Däxl immer ein bisschen mehr als Wirt. Zusammen sind sie nach Bayern in den Urlaub gefahren und haben sich unzählige Geschichten am Tresen erzählt. Wie Schorsch zum Beispiel nach 50 Jahren in Hamburg von seinen Stammgästen „eingebürgert“ wurde, inkusive Urkunde, die hinter seinem Tresen hängt.

Kulisse für NDR-Serie


Oder wie der NDR tagelang die Windrose belagerte und sie zur Stammkneipe von Peter Heinrich Brix und Piet Schüttauf in der Comedyserie „Die Blaumänner“ machte. Auch die Fernsehmacher erkannten schnell das besonderen Flair der Raucherkneipe. Schorsch führte die Windrose auch durch stürmische Zeiten. Erst kam das Rauchverbot dann das Kneipensterben. Sechs seiner Kollegen haben in den vergangenen zehn Jahren aufgegeben. Gleichzeitig öffnete immer mehr Shisha-Bars und Spielhallen an der Wandsbeker Chaussee. Für seine Gäste war die Kneipe wie ein Nachbarschaftstreff. „Es wurde Skat gespielt und wir haben viele Geburtstage gefeiert“, sagt Dieter Elstner. Der Nachfolger will Fußballspiele in der Kneipe übertragen, sonst vorerst nicht viel ändern. Ob Schorsch einmal als Gast in die Windrose zurückkommt? Ungewiss. Aber in Hamburg bleiben, dass wird er ganz bestimmt.
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