Überwintert?! Das Licht des Frühlings verdrängt die Dunkelheit des Winters und deckt auf, was uns die letzen Monate verborgen blieb. Eine Bestandsaufnahme.

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  Es ist wieder Frühjahr. Langsam füllen sich die über den Winter farblos und trist gewordene Balkone wieder mit bunten Blumen und entstaubten und gereinigten Gartenmöbeln, die aus den Kellern aus ihrem Winterschlaf geholt wurden.

Endlich nach 7 Monaten wieder Licht und eine noch schüchterne Sonne die sich im Laufe des Tages zögernd zeigt.

Ich erinnere mich, wie im letzten Jahr im September, noch einige Anwohner auf ihren Balkonen saßen, um die letzten schweren, goldenen Sonnenstrahlen zu empfangen und um sich dankbar von dem Sommer zu verabschieden.

Dann kam der Winter mit seiner Dunkelheit und Kälte.

Von meinem Schreibtisch aus, sehe ich auf die schöne parkähnliche Anlage, die eingebettet zwischen vier Rotklinker-Mehrfamilienhäusern der Wohnungsgenossenschaft liegt.

Links oben, auf dem kleinen Eckbalkon sind noch keine Blumen, wie gewohnt sehr rechtzeitig und akkurat wie jedes Jahr, in die leeren Blumenkästen gepflanzt worden. Verweist und traurig wehen die Kisten nun ohne Sinn am Balkongeländer entlang. Ich frage mich: Wo ist der ältere Herr, der sich sonst immer im Frühjahr liebevoll um die bunte und fröhliche Bepflanzung seines Balkons kümmerte? Und der im Sommer abends, wenn die Sonne hinter dem vorgesetzten Haus verschwand, auf seinem Balkon Platz nahm. Nicht aber, bevor er die Blumen und Pflanzen fürsorglich mit Wasser und Aufmerksamkeit versorgte.

Schräg recht, im linken Häuserblock, fehlt auf dem Balkon der Erdgeschosswohnung ebenfalls auffallend eine frische Bepflanzung. Im Sommer wenn es sehr warm ist, habe ich mich in den letzten Jahren an den Anblick des knallroten Sonnenschirmes gewöhnt, der sich wunderbar mit den roten Geranien in den Balkonkästen, farblich ergänzte.
Die freundliche ältere Dame, die Anfang September letzten Jahres, den roten Schirm zusammenrollte und ihn zwecks überwintern in den Keller trug, ist auch nicht zu sehen. Sie ist hier bekannt dafür, dass es sie sehr freut, wenn man an ihrem Balkon stehenbleibt, und sich ein bisschen Zeit für sie und ihre Geranien nimmt. Für die Kinder hat sie stets Bonbons in der Schürze.

Die Wohnung gegenüber scheint neu bewohnt zu sein. Ein anderer Wandanstrich und ein neues Gardinendesign im Küchenfenster lassen erkennen, dass die rüstige und fröhliche Mieterin, die zuvor in der Wohnung wohnte, anscheinend nicht mehr dort wohnt. Ihr festest Ritual, all abendlich vor dem Schließen der Vorhänge, das Fenster zu öffnen, den Kopf herauszustrecken und mit geschlossenen Augen tief die Abendluft in sich einzuatmen, freute und animierte mich automatisch zum Mitmachen.

Balkonmöbel werden in den Keller zum Überwintern getragen.

In der kalten Jahreszeit fährt oft ein unter Angst gerufener Rettungswagen, mit bestimmtem Ziel in die kleinen Straßen zwischen den Häuserblöcken. Die Tür des Wagens wird aufgerissen. Notärzte in reflektierenden Jacken, laufen mit Notfallkoffern in die Treppenhäuser. Dann verschwindet alles in der Dunkelheit und im Nebel des Winters, bis die Tatsache im Frühjahr sichtbar wird.

Menschen, die hier in diesen Stadtteilen in den Wirren des zweiten Weltkrieges geboren wurden und nach dem verheerenden Krieg, als Kindern mit ihren Eltern ihr Zuhause verloren. Die mit Glück überlebten, weil vor dem vernichtenden Feuersturm evakuiert wurden. Dann nach Hamburg zurückkehrten und vor den Trümmern ihrer Wohnung standen. Untergebracht in den wenigen nicht von Bomben zerstörten Häusern, als Untermieter. Dann endlich Anfang der 50 Jahre die ersten neu erbauten genossenschaftlichen Rotklinkerbauten, die Familien wieder Geborgenheit und ein Zuhause boten.

60 Jahre später lösen sich die letzten dieser wertvollen Zeitzeugen, die mit ihrer Kraft, ihrer Geduld und mit ihren Erfahrungen die Grundsteine ganz neuer Generationen wurden, einfach auf.
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