Buch „Kindermord im Krankenhaus“ berichtet über Euthanasie

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Personal des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort während des Krieges, darunter Ingeborg Sammet (3.v.l.) und Liesel Deidesheimer (5.v. r. oder l.), die Kindestötungen verweigerten. Vorn: die Täterinnen Lotte Albers (4.v.r.) und Helene Sonnemann (3.v.r.) Repro: wb
 
Die Eppendorfer Kinderärztin Ingeborg Sammet bei der Babyfütterung. Sie tötete keine behinderten Kinder im Rahmen der NS-Aktion Euthanasie Repro: wb

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort während der Nazi-Zeit

Hamburg Die Kinderärztin Dr. Ingeborg Sammet (1908-2005) war eine bekennende Christin, „stramm lutherisch“, wie der langjährige Pastor von St. Johannis/Eppendorf, Ulrich Rüß, sie charakterisiert. Sie habe ihre Meinung „durch alle Zeiten hinweg durchgezogen“, so Rüß. Das wird der Grund gewesen sein, da sind sich alle einig, die sie kannten, warum sie im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort keine behinderten Kinder im Rahmen der NS-Aktion Euthanasie tötete. Elf ihrer Kolleginnen kannten keine Skrupel, ermordeten zwischen 1940 und 1945 in Rothenburgsort nachweislich 47 Kinder mit Spritzen, vermutlich noch mehr. Ingeborg Sammet lebte mindestens 60 Jahre in der elterlichen Wohnung am Loehrsweg 12 in Eppendorf und praktizierte bis 1973 in der Straße Fiefstücken in Winterhude. Die Eppendorfer Ärztin erwähnt Autor Andreas Babel in seinem Buch „Kindermord im Krankenhaus“, das die Mordaktionen im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort beschreibt. Sammet war eine von vier Ärztinnen, die die Morde an behinderten Kindern verweigerten. Auch Liesel Deidesheimer (1905 bis 1993), die viele Jahre in Fuhlsbüttel wohnte und dort nach dem Zweiten Weltkrieg als hoch geschätzte Kinderärztin praktizierte, machte nicht mit. Deidesheimer engagierte sich nach dem Krieg für soziale Außenseiter, versorgte die Kinder in den Nissenhüten und betreute zeitweise auch Patienten in der Strafjustizanstalt Fuhlsbüttel. Gesprochen haben die beiden Ärztinnen im privaten Kreise nie über ihre Erlebnisse in Rothenburgsort. Ebenso wie die anderen zwei Ärztinnen, die sich nicht an den Tötungen beteiligten, Margarita van den Borg (1910-1992), die 1952-1961 in der Bebelallee wohnte und eine Praxis in der Barmbeker Straße betrieb – 1962 zog sie nach Süddeutschland – und die Südtirolerin Lydia Fontana (1913-1976), die nur während ihrer Rothenburgsorter Zeit in Hamburg wohnte. „Die Alten schwiegen und die Jungen fragten nicht“, schreibt Andreas Babel in seinem Buch zur Gesprächskultur in der Nachkriegszeit. Gesprochen haben sie über ihre Vergangenheit wie die elf Täterinnen nur in den Verhören über die Ereignisse in Rothenburgsort. Aus den erhalten gebliebenen Gerichtsakten von 1945-1949 hat Babel seine Grundinformationen über die 15 Medizinerinnen, die er in seinem Buch in kurzen Porträts beschreibt. Die Akten enthalten auch die Rechtfertigungen der Täterinnen. Verblüffend: zehn der elf Ärztinnen, die Kinder töteten, bekannten sich zu ihren Taten. Für den Euthanasie-Forscher Ernst Klee der einzige ihm bekannte NS-Fall, in dem fast alle Beschuldigten ihre Untaten zugaben – und dabei kein Unrechtsbewusstsein zeigten. Keine der Ärztinnen wurde angeklagt wegen dieses fehlenden Unrechtsbewusstseins, das ihnen die Juristen attestierten. Sie alle setzten ihre medizinischen Karrieren fort und zeigten auch später ihre offenbar tief verinnerlichten sozialdarwinistischen Einstellungen. Die einstige stellvertretende Leiterin des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort, Helene Sonnemann (1911-1998), die mindestens zwölf Kinder umgebracht hat und mit dem SS-Offizier und Hitler-Adjutanten Fritz Darges verheiratet war, empfahl der Mutter eines behinderten Kindes, das erkrankt war, 1969, nicht zum Arzt zu gehen, sondern es in den Durchzug zu stellen, damit es sterbe. Über Lotte Albers (1911-1992), der mit 14 die meisten Kindestötungen nachgewiesen werden konnten, sagte ihr Neffe Martin, sie habe kein Schuldempfinden gehabt und die Tötungen mit den Zwängen des Krieges gerechtfertigt. Behinderte Kinder hätten Mütter daran gehindert, rechtzeitig den Luftschutzkeller zu erreichen. Ingeborg Wetzel (1912-1989), mindestens sechs Kindestötungen, die nach dem Krieg noch viele Jahre in Rahlstedt als Kinderärztin praktizierte, zog sich von einer befreundeten Familie zurück, als ein behindertes Kind zur Welt kam. Eines haben fast alle 15 Ärztinnen, ob Täterinnen oder nicht gemeinsam: die meisten (11) hatten keine Kinder. (ch)

Für eine zweite Auflage seines Buches sucht Andreas Babel mehr Informationen über die 15 Ärztinnen. Wer sie gekannt hat oder Menschen kennt die sie kannten wende sich möglichst schnell an ihn: t 05141 / 990113 oder a.babel@cellesche-zeitung.de. Sein Buch ist im Info-Laden der Landeszentrale für politische Bildung, Dammtorwall 1, im Rahmen eines Gutscheins über mehrere Bücher erhältlich.
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1 Kommentar
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Elke Noack aus Rahlstedt | 03.02.2016 | 09:46  
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