Ein Stück vom Eber-Hof

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Anke Rathig, die Eigentümerin des „Ebersteins“, freut sich, dass der Stein steht. Es wurmt sie aber, dass der Stein weder gereinigt noch konserviert wurde Foto: fjk
 
Der alte Eberhof , wo die Reliefplatte eingelassen war Foto: Langenhorn-Archiv/Repro: Krause

Historisches Relief wurde am Langenhorner Markt aufgestellt

Von Franz-Josef Krause
Langenhorn
Die ländliche Vergangenheit Langenhorns ist im Ortsbild kaum noch zu erkennen. Etwas südlich vom heutigen Kauflandgebäude stand einst das stattliche Haus von Bauer Jonas. Umgeben war es von vielen Eichen. Verblieben ist von dieser Pracht noch ein Baum, der von einer hohen Betoneinfriedung geschützt, von früheren Zeiten kündet.

Historisch aufgewertet


Der Standort dieses Baums hat nun eine historisch wertvolle Aufwertung erfahren. Sozusagen als Krönung der Umgestaltungsarbeiten des Marktplatzes wurde hier ein Stein aufgestellt, der direkten Bezug zur dörflichen Tradition Langenhorns hat – der „Eberstein“. Die originelle Sandsteinplatte stammt vom „Eberhof“, der einst nicht weit entfernt vom neuen Aufstellungsort stand. Anke Rathig, Eigentümerin des „Ebersteins“, berichtete dem Wochenblatt, was es mit der Platte auf sich hat. „Südlich neben unserem 1953 bezogenen Haus am Eberhofweg stand der ‚Eberhof‘. In die nördliche Stirnseite dieses damals schon recht baufälligen Gebäudes war eine Platte eingelassen, auf der zwei Schweine und ein längerer Spruch zu sehen waren. Als der ‚Eberhof‘ abgerissen wurde, hat mein Vater, der Tischlermeister Hermann Dau, den oberen Teil des Steins aus dem Trümmern gerettet. Bis zum Abriss betrieben Herr Dreckmann und Frau Schneemann auf dem Grundstück des ‚Eberhofs‘ eine Schrotthandlung. Ältere Langenhorner können sich bestimmt noch gut daran erinnern, dort für Altmetall ein paar Groschen oder Mark bekommen zu haben.“
Die Geschichte des „Eberhofs“ geht bis in das Jahr 1799 zurück. Einst lebte hier die Bauersfamilie Cordes. Um 1880 kaufte C. A. Emil Römling das Haus. Er war ein stadtbekannter Sonderling aus Schwaben, der sogar plattdeutsche Verse schrieb. Später legte er sich zusätzlich noch den „Bärenhof“ in Ochsenzoll zu. Der Bärenhof musste in den vergangenen Jahren dem Neubau von Auto Wichert weichen. Römling, so das Gerücht, hatte in China mit dem Verkauf von Nähnadeln ein Vermögen erworben. Mit diesem Geld betätigte er sich in Hamburg als Immobilienmakler. Besonders Langenhorn hatte es dem wunderlichen Mann angetan. Seinen „Eberhof“ versah Römling mit einem Türmchen nebst Glocke und schmückte die Stirnseite mit der Darstellung zweier Lebewesen, die nach seiner festen, gereimten Überzeugung auf ewig mit der Region verbunden sein sollten: mit zwei Ebern.

Kanonenschüsse zu Silvester


Lehrer Karl Schlüter, in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Chronist Langenhorns, berichtete von einer weiteren Kuriosität des „Eberhofs“. Der kauzige Römling hatte auf dem Hof eine uralte Vorderlader-Kanone aufgestellt, die er regelmäßig in der Silvesternacht zur Freude der „Dorfjugend“ abfeuerte.
Im Frühjahr diente das Geschütz Vögeln als Nistplatz. Die Straße Eberhofweg wurde am 25. November 1903 nach Römlings Gehöft benannt. Anke Rathig hat den von ihrem Vater geretteten Stein Jahrzehnte aufbewahrt. Regelmäßig wurde er gesäubert. Seit die Umgestaltungspläne des Marktplatzes bekannt wurden, suchte sie das Gespräch mit dem Bezirk Nord, um den steinernen Zeitzeugen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
„Mir wurden da schon recht merkwürde Standorte vorgeschlagen“ urteilt Rathig rückblickend, „der abwegigste Gedanke war, die weiche Sandsteinplatte in den Boden des Marktplatzes einzulassen. Ich hätte es lieber gehabt, den Stein an einer zentralen Stelle so aufzustellen, dass er zwar gut sichtbar, aber vor Vandalismus geschützt ist. Leider ist der Bezirk Nord auf keinen meiner Vorschläge eingegangen.“
Mit dem nun gefundenen Standort ist Anke Rathig relativ zufrieden, hat aber dennoch Kritikpunkte „Wie ich von der Behörde erfuhr, wurden für Umrahmung, Infotafel und Aufstellung 5.800 Euro in die Hand genommen. Da wäre eine sach- und fachgerechte Reinigung sowie Konservierung des Steins doch wohl auch noch ‚drin‘ gewesen. Und die Frage, ob ein gläserner Schutz für den Steins nicht ebenfalls besser gewesen wäre, stellt sich natürlich auch.“ Eine kleine, in der Tradition Römlings stehende, Kuriosität sind die Eigentumsverhältnisse. Denn eine Vereinbarung über den Eigentumsübergang von Rathig an die Stadt Hamburg gibt es bis heute nicht.

Steinplatte ist weiterhin Privatbesitz


Mit anderen Worten – der mit Steuergeldern teuer gefasste „Eberstein“ gehört weiterhin einer Privatperson. Weitere Kuriosität: Während Zeitzeugen felsenfest davon überzeugt sind, dass der Abriss des „Eberhofs“ erst Ende 1957 erfolgte, meldete das „Hamburger Abendblatt“ unter der Überschrift „Der Eberhof, ein Stück Vergangenheit, wird abgerissen – Abschiedstränen in Langenhorn“ das Ereignis bereits in seiner Ausgabe vom 17. Juli 1954. Der Autor des Artikels beschreibt anschaulich einen Trümmerhaufen und zitiert Nachbarn mit den Worten „Es war nur noch eine lebensgefährliche Bruchbude.“

Blickpunkt am Markt


Was mag nun zutreffen – 1954 oder 1957? Der skurrile Emil Römling hätte vermutlich an diesem Verwirrspiel seine Freude gehabt. Sicher auch daran, dass sein Stein nun in multikultureller Umgebung steht. Denn nicht nur für Hamburger, die Freiluftbier schätzen und vielleicht Schweinebraten, hat sich die alte Eiche zu einem bevorzugten Treffpunkt entwickelt. Auch junge Migranten, die mit ihren Smartphones Kontakte zur Heimat pflegen, fühlen sich unter dem Baum sichtlich wohl. An Markttagen kann Schinkenprofi Jörg Huber von seinem Wagen aus direkt auf das gerahmte Eber-Relief blicken. 125 Jahre nachdem der „Eberstein“ am Giebel des „Eberhofs“ angebracht wurde, liegt es nun in den Händen der gemischten Community um die Eiche, Stein und Andenken eines tüchtigen Langenhorner Ebers zu pflegen. (fjk)
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