Ende Legende: Tschüs, Tomfort

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Aus einer einfachen Ausspann-Station entwickelte sich ein florierender Gasthof. Dies Gemälde bleibt als Erinnerung Foto: blu
 
Die Küche war seit fast 50 Jahren das „Zuhause“ von Wolfgang Kühn – Silvester war Schluss Foto: blu

Gaststätte an der Langenhorner Chaussee schließt nach 156 Jahren. Hier entsteht ein Aldi-Markt

Von Claudia Blume
Ochsenzoll
Mit einem rauschenden Fest hat sich eine Institution verabschiedet, die weit über die Stadtgrenzen hinaus ausstrahlte. Am 1. Januar hat das renommierte Hotel-Restaurant Tomfort für immer seine Pforten geschlossen. Fast anderthalb Jahrhunderte lang bestand die Gastronomie an der Langenhorner Chaussee 579. Als Ausspann-Station für Pferdefuhrwerke gründete Gustav Tomfort 1859 die „Gastwirtschaft zur Tannenkoppel“ und versorgte erschöpfte Menschen und Tiere. Neffe Oskar machte aus dem Dorfkrug ein Vereinslokal und baute 1924 den größten Saal Norddeutschlands an. Ein Volltreffer, denn in Zeiten ohne Handy, Internet und Facebook kamen die Gäste am Wochenende von weit her zum „Schwofen“ ins Tomfort. Selbst heute noch ist das Lokal vor allem bei Tänzern aller Altersklassen für Tanznachmittage und Bälle beliebt und bekannt. Diverse Vereine und Verbände nutzten die Räumlichkeiten für Feste und Veranstaltungen, viele Hochzeiten wurden hier gefeiert – dem Langenhorner Turn- und Sport-Verein diente der Saal sogar viele Jahre als Sporthalle. Mit der Übernahme durch Reinhold Tomfort zog auch Glamour ins Haus ein.

Schmidts als Dauergäste


Der erfolgreiche Box-Manager brachte Sportgrößen wie Max Schmeling und Bubi Scholz nach Langenhorn. Anfang der 1980er-Jahre gingen hier Fußballgrößen ein und aus. „Franz Beckenbauer war gerade von Cosmos New York zum HSV gewechselt und kam nach dem Training am Ochsenzoll gern auf ein Bier vorbei“, erinnert sich Wolfgang Kühn, der das Unternehmen seit 1983 mit seiner Frau Linde führt. Auch Fußball-Legende Uwe Seeler, Ex-Nationaltorwart Uli Stein und viele HSVer waren oft und gern gesehene Gäste. Und kein Geringerer als Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt feierte bei „Tomfort“ in schöner Regelmäßigkeit seinen Geburtstag. „Dabei legte er nicht nur mit Loki eine flotte Sohle aufs Parkett, sondern auch mit meiner Frau“, weiß der heutige Inhaber. Als talentierter Hobbytänzer musste der Küchenchef neidvoll seinem „Rivalen“ das Feld überlassen und sich um die Speisen kümmern. Doch auch die wusste nicht nur Helmut Schmidt zu schätzen. Ganz unbürokratisch griff der Politiker, der nur wenig entfernt wohnte, zum Hörer oder kam spontan vorbei – meist in Begleitung anderer Staatsmänner wie Frankreichs Ex-Regierungschef Jacques Chirac. „Der hat übrigens jedes Mal unser Bauernfrühstück bestellt – wahrscheinlich eine lukullische Wohltat für ihn im Vergleich zu den üblichen Diplomaten-Büffets“, sagt Kühn schmunzelnd. Mitte der 1950er-Jahre wurde das Haus mit einem Hotel-Anbau ergänzt. 21 Zimmer mit Duschbad, Telefon und einer vollautomatischen Öl-Zentralheizung – ein viel beachtetes Novum im gesamten norddeutschen Hotelgewerbe. Das Familienunternehmen florierte, doch ein verheerender Brand am 2. September 1986 brach Reinhold Tomforts Tochter Linde und Ehemann Wolfgang fast das Genick. Ein unsachgemäß verlegtes Kabel setzt die neue Elektrik in Flammen – Schadensumme: sechs Millionen Mark. „Zu allem Überfluss waren wir nicht versichert und zahlen heute noch ab“, erzählt der 68-Jährige. Mit eigenen Händen wurde renoviert – „auf meine Fliesenarbeit im Gastraum bin ich heute noch stolz“ – nach nur drei Monaten feierten die Kühns Wiedereröffnung. Doch es musste gespart werden. Zu sechst kümmert sich das eingespielte Team um alle Arbeiten – keiner ist sich für etwas zu schade. Morgens steht Wolfgang Kühn an der Wäschemangel, mittags in der Küche. Auch Tochter Bettina Linde arbeitet mit, doch das Haus in nächster Generation weiterzuführen, lehnt sie ab. „Das ist mir eine Nummer zu groß“, sagt die 47-jährige gelernte Konditorin, „unter anderem müssen Dach und Heizung dringend renoviert werden.“

Investitionen zu hoch


„Insgesamt müssten wir einen Kredit über eine Million Euro aufnehmen - das überfordert mich“, so Bettina Linde. Kaufinteressenten für das Grundstück gab es in den vergangenen Jahren immer wieder, sogar aus dem Ausland. Doch deren Pläne zerschlugen sich im Hinblick auf die behördlichen Auflagen: Die Nutzung muss der örtlichen Nahversorgung dienen. „Nun hat Aldi den Zuschlag bekommen. Noch im Januar rollen die Bagger an“, konstatiert Wolfgang Kühn trocken. Was aus dem Inventar wird, weiß er noch nicht, „vielleicht veranstalten wir einen großen Flohmarkt.“ Nur ein paar Töpfe, Etageren und Geschirr nimmt er mit nach Büsum, dort lebt seine Frau aus gesundheitlichen Gründen. „Eine Profiküche einrichten, endlich Zeit für die Liebe meines Lebens haben und 2017 zur Goldenen Hochzeit eine Kreuzfahrt nach Grönland machen“, wünscht sich der Vollzeitgastronom. Letztmalig verwöhnte er 200 Gäste beim ausverkauften Silvesterball mit hausgemachten Rinderrouladen, Rehstücken und Hirschkeule mit Pfifferlingsrahmsauce. Jetzt ist die „Ära Tomfort“ Geschichte.
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