Experten machen Hamburg sicherer

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Luftbildaufnahme vom 3. Juni 1945 der US-Armee rund um den Bahhof Wilhelmsburg. Die Bombentrichter sind darauf gut zu erkennen Foto: GEVK
 
Anne Birckigt wertet Luftbilder von Hamburg aus und sucht nach nicht entdeckten Blindgängern Foto: to

Luftbildauswertung des Bombenkriegs gegen Hamburg läuft in Rothenburgsort. 2.900 Blindgänger vermutet

Von Thomas Oldach
Rothenburgsort
Die jüngste Bombenentschärfung in Eppendorf hat es wieder gezeigt: Die Hamburger leben auf zum Teil unsicherem Grund. Denn darin können überall Relikte des Zweiten Weltkriegs schlummern. Doch an der Billstraße sitzen die besten Fachleute Europas, die sich damit auskennen, die Hinterlassenschaften des Bombenkriegs gegen Hamburg zu finden und sie möglichst schadlos zu machen. Sie sind die Helden im Hintergrund, die uns helfen, sicherer zu leben. Ganz unaufgeregt und voll konzentriert sitzen die Mitarbeiter vor ihren Bildschirmen, auf denen Bilder auftauchen, die einem Außenstehenden die Gänsehaut über den Rücken jagen. Bilder der Zerstörung aus den Jahren 1940 bis 1945, als Hamburg durch die Bomben der alliierten Streitkräfte nahezu in Schutt und Asche gelegt wurde. Doch auch Anne Birckigt hat sich an deren Anblick gewöhnt. Die 25-Jährige ist studierte Kartografin und als Luftbildauswerterin in der Abteilung Gefahrenerkundung/Kampfmittelverdacht (GEKV) der Feuerwehr Hamburg beschäftigt, die 2009 aus der Luftbildauswertung des Kampfmittelräumdienstes hervorging. Sie sitzt mit einer 3D-Brille vor einem entsprechenden Monitor, um nach einem Verdachtsfall für einen Blindgänger zu suchen. Ihre Arbeit ist Teil eines hochkomplizierten Ablaufs innerhalb der Abteilung, der für ganz Hamburg sehr wichtig ist. Oder möchten Sie auf einem Grundstück wohnen beziehungsweise bauen, unter dem eventuell eine Bombe oder alte Munition liegt? Thomas Otto leitet die GEKV und er weiß: „Von Mai 1940 bis April 1945 wurden 213 Luftangriffe auf Hamburg gefolgen, 107.000 Sprengbomben, drei Millionen Stabbrandbomben Und 300.000 Phosphorbomben fielen auf die Hansestadt.“ Noch heute würden rund 2900 Blindgänger in der Erde „schlummern“. „Wann sie hochgehen, ist nur eine Frage der Zeit“, sagt der Techniker. Denn: „Sowohl die Zündvorrichtungen als auch die Munition erreichen nach rund 70 Jahren nicht ihre Verfallsdaten. Doch sie werden mit dem Alter leider immer gefährlicher.“ Deshalb hat Hamburg auch die Truppe um Thomas Otto verstärkt. Mit der Gesetzesänderung von 2014, wonach jeder neue Bauherr sein Grundstück auf eventuelle Belastung durch Kampfmittel untersuchen lassen muss, sind jetzt 36 Mitarbeiter im Einsatz. Sie bearbeiten rund 11.000 Anträge pro Jahr – egal ob von Gewerbetreibenden oder Privatpersonen. Selbst wer vor 20 oder 30 Jahren sein Areal hat checken lassen, sollte noch einmal nachfragen. Denn ständig erhält die GEKV neue Luftbilder – auch aus der Nachkriegszeit Nein, nur von 1940-45!. Diese stammen hauptsächlich aus englischen und amerikanischen Militär- und Geheimdienstenarchiven. Hamburg ist europaweit führend in der Suche nach Weltkriegshinterlassenschaften. Viele Bundesländer haben die strukturierte Suche längst eingestellt oder fangen jetzt erst damit an – wie etwa Bayern. Auch Österreich überlegt jetzt erst, eine ähnliche Struktur wie in Hamburg aufzubauen. Doch wer sich um die Sicherheit seiner Bürger kümmern will, muss viel Geld in die Hand nehmen. Denn ein hochtechnischer Arbeitsplatz kostet gut und gerne mal 60.000 Euro. Doch was kostet ein Menschenleben, das durch einen Blindgänger ausgelöscht wird? Die Fotos an der Wand in den GEKV-Gängen sind Jahrzehnte alt. Aber sie belegen zwei Dinge: Die Relikte von damals beschäftigen uns noch heute – und überall auf der Welt hat man aus der Vernichtung von Menschenleben und Städten offensichtlich nichts gelernt.

Weitere Infos im Internet: Kampfmittelräumdienst der Feuerwehr Hamburg
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2 Kommentare
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peter walter aus Billstedt | 06.02.2016 | 10:32  
403
Rainer Stelling aus St. Georg | 06.02.2016 | 16:40  
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