Gans hoch oben

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Ein seltener Anblick: Was treibt die Graugans auf den Baum? Foto: Löffel/wb
 
Schlaue Graugans: Auf ihrem Brutplatz hoch oben wird sie nicht gestört Foto: Löffel/wb

Seltene Baumbruten im Ohlsdorfer Friedhof zu beobachten

Von Waltraut Haas
Ohlsdorf/Barmbek
Seit den 1980iger-Jahren tummeln sich Graugänse auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Bis 2011 brüteten mehrere Paare erfolgreich auf dem Inselteich an der Mittelallee. „Seitdem bauen Grauganspaare dort zwar noch ihre Nester, geben ihre Bruten aber immer wenige Tage später auf“, berichtet Gänseschützer Simon Hinrichs, der seit Jahren das Rätsel verfolgt. Tierische Beutegreifer würden andere Spuren hinterlassen. Die Gelege würden regelmäßig aus den Nestern genommen und auf einem Haufen abgelegt, die Gänse vergrämt. Was geschieht hier außerhalb der Öffnungszeiten? Um das zu entdecken, setzen die Gänseschützer jetzt eine Wildtierkamera auf der Insel ein.

Gössel bleiben unbeschadet


Auch die vergrämten Gänse wurden indessen erfindungsreich. Auf der Suche nach störungsfreien Brutplätzen genügte wohl der Blick nach oben, Gans ist doch nicht blöd: Schon 2015 konnten die Vogelfreunde auf dem Friedhof drei Gänsenester auf Bäumen ausmachen. Tage nach dem Schlupf seien die Gössel aus großer Höhe unbeschadet abgesprungen und wurden von ihren Eltern im Gänsemarsch zum nächsten Gewässer geführt. „Baumbruten von Graugänsen sind recht selten, nur einzelne Fälle sind bekannt“, weiß Hinrichs aus Berichten von Ornithologen. Inzwischen wurde sein Team zu regelrechten „Baumganssuchern“. Schon drei neue Baumbruten konnten sie aktuell im Ohlsdorfer Friedhof wieder ausmachen, nachdem sie öfter Graugänse – wenig artgemäß – auf Bäumen sitzend beobachtet hatten. Von Ringablesungen ist bekannt, dass alle drei Gänse auf dem Inselteich geschlüpft waren und von den gleichen Eltern stammen. Alle hätten bereits erfolglos versucht, am Boden zu brüten. Aus den Baumbruten von 2015 wurden sieben Gössel flügge: „Wir haben sie alle beringt. So können wir ihr Verhalten in den nächsten Jahren beobachten.“ Ebenso spannend wird es mit dem Gänsenachwuchs in diesem Frühling: „Wir registrieren alle Baumbruten, damit wir die Gänse überwachen und schützen können.“ sagt Hinrichs. Der Sprung vom Baum sei für die Gössel die kleinste Gefahr. Der Kaufmann opfert seit zehn Jahren seine Freizeit den Wildgänsen in Hamburg.

„Untermieter“ auf Barmbeker Balkon


Der Trend nach oben hält unter Graugänsen an: Wohl weil sie in der Stadt wenig störungsfreie Brutplätze finden. So fand eine Graugans den Balkonkasten in der Emil-Janßen-Straße so attraktiv, dass sie ihn sich zum Brutplatz erwählte und dort – pünktlich zum Frühlingsbeginn – in der vergangenen Woche Eier legte. Wohnungsinhaber Jens Rowoldt duldet seine neue Untermieterin. Damit sie ungestört brüten kann, räumte er den Balkon. Zugleich erinnerte sich der Tierfreund an die Balkonbrut im vergangenen Jahr in St. Georg (das Hamburger Wochenblatt berichtete) und kontaktierte gleich den ehrenamtlichen Gänseschützer Simon Hinrichs. Noch weiß Hinrichs nichts über ihre Herkunft, denn beim Brüten kann er die Ringnummer des Tiers nicht ablesen. Aber das Schlüpfdatum lässt sich errechnen: Um den 20. April brauchen Mutter und Gössel dringend Hilfe, denn die kleinen Flaumknäuel können nicht über die Balkonbrüstung klettern, um zum nächsten Gewässer zu gelangen. Fallen sie beim Absprung auf harten Untergrund, könnten sie sich zudem verletzen. Wenn alles gut geht, können Hinrichs und sein Team die Gansfamilie sicher bis zum Barmbeker Stichkanal geleiten. Jens Rowoldt hat indessen eine weitere Sorge um „seine“ Gans: Vom Vermieter kam eine Abmahnung, er müsse die Balkonkästen entfernen. Der Mieterverein prüfte den Fall und bestätigte: Der Vermieter habe dazu keine rechtliche Handhabe. Die Kästen sind nachweislich ordnungsgemäß und sturmsicher befestigt.

Weitere Informationen zu diesem Brutplatz gibt es auf www.blarks.blogspot.de
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