Gedenken an Todesmärsche

Anzeige
KZ-Häftlinge in ihren gestreiften Kluften, bewacht von SS-Leuten auf dem Marsch (Symbolfoto) Foto: Wikipedia/National Archives USA
 
Hilde Sherman (†, vorne l.) überlebte mehrere KZs und den Todesmarsch nach Kiel, schrieb ein Buch darüber. Tochter Ruthy (hinten l.) und Enkelin Martha (vorn) kommen zur Aktion aus Israel angereist. Repro: now

Enkel von Opfern, Tätern und Zeugen beteiligen sich am Marsch des Lebens

Fuhlsbüttel Es war das letzte große Verbrechen der Nazis, dessen Opfern jetzt gedacht wird. 1945 sollten den vorrückenden Alliierten möglichst keine überlebenden KZ-Häftlinge in die Hände fallen, die von den Gräueln berichten konnten. Aus vielen Lagern quer durchs „Deutsche Reich“ starteten sogenannte Todesmärsche in Richtung Norden und Westen, auch aus dem Lager Fuhlsbüttel (Kolafu). Viele Häftlinge überlebten den Gewaltmarsch nicht. 70 Jahre liegt das jetzt zurück. Nun gibt es eine Gedenkwoche.
Rund 90 Kilometer sind es vom heutigen Gefängnis Fuhlsbüttel bis nach Kiel ins damalige „Arbeitserziehungslager Nordmark“. Vier Tage brauchten die rund 800 KZ-Insassen – wer nicht mithalten konnte, wurde von den SS-Bewachern unterwegs erschossen.
Wenn sich der Start des Todesmarsches am 15. April zum 70. Mal jährt, werden mehr als 150 Menschen noch einmal aufbrechen, um bis zum 19. April die Strecke gemeinsam bei einem „Marsch des Lebens und der Versöhnung“ zu bewältigen.
Bereits am Dienstag, 14. April, gibt es um 19 Uhr eine Gedenkveranstaltung in der St.-Lukas-Kirche. Dabei gibt es unter anderem ein Grußwort von Landesrabbiner Y. Shlomo Bistritzky und einen Vortrag des früheren Polizeipräsidenten und Polizeihistorikers Wolfgang Kopitzsch zum Kolafu.

Begegnung soll versöhnen


Auch Ruthy will beim Marsch des Lebens mitlaufen. Sie wird ex-tra aus Israel anreisen. Sie will den Weg gehen, auf den ihre Mutter Hilde Sherman 1945 mit so vielen anderen gezwungen wurde und den sie in ihrer Biografie „Zwischen Tag und Dunkel“ so eindrucksvoll beschrieb. Ruthy sagt: „Ich will dabei sein, damit die jetzige Generation in Deutschland uns als die Nachkommen der Überlebenden sehen, obwohl die damalige Generation behauptet, sie hätten damals nie Menschen auf dem Todesmarsch gesehen.“

„Ich will dabei sein, damit die jetzige Generation in Deutschland uns als die Nachkommen der Überlebenden sehen, obwohl die damalige Generation behauptet, sie hätten damals nie Menschen auf dem Todesmarsch gesehen.“
Ruthy


Der Marsch des Lebens ist eine Chance für die Nachkommen von Tätern, Opfern und auch Zuschauern, ins Gespräch zu kommen. Eine Chance zur Versöhnung, wie Hinrich Kaasmann sagt. Er ist Vorsitzender von Ebenizer Deutschland und einer der Organisatoren des Marsches nach Kiel. Der Marsch zusammen mit der Veranstaltung am Vorabend soll Menschen zusammenbringen. So wird außer Ruthy und ihrer Tochter Martha auch Klaus Tessmann dabei sein. Sein Großvater Willi war der letzte Kommandant des KZ Fuhlsbüttel und wurde 1948 von den Briten hingerichtet.
„Begegnung ist der einzige Weg, den ich sehe“, sagt Kaasmann auf die Frage, warum dieser Marsch so wichtig für ihn und die anderen Organisatoren ist. Seit zwei Jahren laufen die Vorbereitungen, um die passenden Strecken für die Tage zu finden, Unterkünfte zu suchen, alle möglichen Beteiligten einzuladen. Dabei haben sich oft auch neue Begegnungen ergeben. So auf einem Bauernhof in Kaltenkirchen, auf dem die Gefangenen übernachten mussten. Erst vor wenigen Tagen erfuhr der Enkel, heute selbst Bauer auf diesem Hof, von den Geschehnissen in der Nacht zum 16. April 1945 und lud die Nachkommen des Marsches ein, die Scheune anzuschauen.
Oder die Geschichte des jungen Musikers, der am Rahmenprogramm mitwirkt und so einen ganz eigenen Teil der Geschichte aufarbeitet: Der Großvater, John Messerschmitt, überlebte als Kommunist und Musiker das KZ, doch Musik machte er selbst nie wieder. Statt dessen förderte er seinen Enkel, der nun wieder den Marsch des Lebens musikalisch begleitet.
„Unser Ziel ist, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt Hinrich Kaasmann und ist überzeugt, dass Identifikation mit den Opfern der richtige Schlüssel dafür ist. Indem aus den Millionen namenloser Opfer einzelne Menschen mit einer eigenen Geschichte werden. Und aus den Stätten eines unbekannten Marsches konkrete Plätze, die man nun mit neuen Augen sieht.

Mit neuen Augen sehen


Nicht alle Teilnehmer werden die ganze Strecke mitlaufen. Einige werden auch einen Teil des Weges in kleinen Bussen zurücklegen, um an den Gedenkfeiern an den Abenden dabei zu sein. Doch rund 50 Menschen wollen die gesamten 90 Kilometer von Fuhlsbüttel bis Kiel gehen und den Marsch als Ganzes erleben. Vergebung für die Täter könne es dabei nicht geben, denn Vergeben bedeute nach dem jüdischen Glauben Vergessen, so Kaasmann. Statt dessen will der Marsch erinnern. Erinnern an die Toten und an die Überlebenden. Aber vor allem auch versöhnen. „Der Marsch mit diesen Menschen, das ist Versöhnung 1:1“, hofft Hinrich Kaasmann. (now)

Abend der Ehrung mit Musik und Gesprächen, Lukaskirche, 14. April, 19 Uhr. Der Marsch startet am 15. April um 9 Uhr am Suhrenkamp. Weitere Informationen: mdl.cindev.de
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige