Langenhorner wollen helfen

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Flüchtlinge vor der Zentralen Erstaufnahme in der früheren Stadtteilschule Grellkamp: Beim Wachdienst im Container müssen sich die Bewohner ann- und abmelden Foto: Biehl
 
Rund 300 Interessierte waren zum Info-Abend in die Ansgarkirche gekommen Foto: Haas

Erstaufnahme Grellkamp: Behörden reagieren auf Bürger-Beschwerden

Von Waltraut Haas
Langenhorn
Mit rund 300 Gästen war die Ansgarkirche voll besetzt: Nachbarn der in den Sommerferien eilig eingerichteten Zentralen Erstaufnahme für Flüchtlinge in der ehemaligen Schule Grellkamp brannten darauf, ihre Probleme und Anregungen zu Gehör zu bringen. Während der Fragerunde standen sie mitunter Schlange hinter dem Mikrofon, um endlich zu Wort zu kommen. Etliche unsachliche Beiträge wurden allerdings mit Buh-Rufen quittiert. Viele Signale der Hilfsbereitschaft ernteten dagegen großen Beifall.

Kritik: Info kam verspätet


Die Hauptkritik der Bürger: Bereits im Juli waren sehr kurzfristig, wie berichtet, Flüchtlinge am Grellkamp eingezogen. Doch erst am vergangenen Mittwoch gab es einen Info-Abend für die Anwohner. Und erst tags zuvor hatten Innenbehörde (BIS) und Bezirk Nord mitgeteilt, dass die vor sechs Wochen anvisierten 550 Plätze nochmals aufgestockt werden müssen. In absehbarer Zeit werden bis zu 830 Neuankömmlinge inmitten des gewachsenen Wohngebietes unterkommen.
Schon bei der Begrüßung erläuterte Bezirksamtsleiter Harald Rösler den Ernst der Lage. „Wir müssen Menschen, die zu uns kommen, vor Obdachlosigkeit bewahren und alles in unserer Macht Stehende für menschenwürdige Unterkünfte tun.“
Weiterhin gelangten täglich 200 bis 300 Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung nach Hamburg, deswegen sei Eile geboten.
Yvonne Nische betonte die gesetzliche Verpflichtung, zunächst die drohende Gefahr der Obdachlosigkeit für die Flüchtlinge abzuwenden. Umsichtig moderierte die Sozial- und Jugenddezernentin des Bezirks Nord den immerhin drei Stunden dauernden Info-Abend.
Einen Einblick in die Lage vermittelte Johanna Westphalen. Als Leiterin des Einwohnerzentralamtes steht sie zugleich der Ausländerbehörde vor, zuständig für die Erstaufnahme von Flüchtlingen. „Überall gehen unsere Ressourcen in die Knie“, räumte Westphalen ein. „Caterer und Baufirmen: Alle hinken der Entwicklung hinterher.“ Container seien kaum noch zu bekommen: „Aktuell leben 2.500 Menschen in Zelten, bald wird es kalt, und schon jetzt fehlen Decken“, so Westphalen weiter. 1.200 Menschen, provisorisch in den Messehallen untergebracht, könnten dort nur bis zur „hanseboot“ im Oktober bleiben. Zukunft: ungewiss.
Auf eine solche Entwicklung sei die Verwaltung nicht eingestellt. Unter diesen Vorzeichen gelinge nur die Unterbringung nach dem so genannten Polizeigesetz (SOG), anstatt, wie eigentlich üblich, die vorgeschriebenen Genehmigungsverfahren und Bürgerbeteiligungen einzuhalten. Westphalen warb um Verständnis für die verspätete Information der Anwohner bei schon laufendem Betrieb am Grellkamp.

Viele Bürgerfragen


Schon seit Juli beherbergt die ehemalige Schule 450 Flüchtlinge. Jetzt sollen weitere Betten in aufgestockten Wohncontainern und in früheren Werkstatträumen geschaffen werden, um demnächst bis zu 830 Menschen unterzubringen.
In der anschließenden Fragerunde ging es vor allem um Ängste und konkrete Beschwerden der Anwohner. Matthias Tresp, Leiter des Polizeikommissariats 34, betonte, bis auf zahlreiche Anrufe wegen gestörter Nachtruhe gebe es „keine besonderen Vorkommnisse“.
Laut brummende Stromgeneratoren und bis in die Nacht lämrende Gruppen auf dem Basketballplatz bezeichnete bezirksamtsleiter Rösler als „Anlaufschwierigkeiten“, die jedoch bald abgestellt würden. Schon in der kommenden Woche sollen die Generatoren durch neue Stromleitungen abgelöst werden. Das Sportfeld werde mit einem Zaun umgeben und um 22 Uhr abgeschlossen.
Die neue Einrichtungsleiterin Juliane Kliefoth versprach, solche Hinweise der Anwohner sehr ernst zu nehmen. Sie will sich mit ihrem Team für ein besseres Miteinander einsetzen. Ein Forum für die Nachbarn bietet zudem der „Runde Tisch Grellkamp“. Er ist auch die Adresse für die zahlreichen Fragen nach sinnvoller Unterstützung. Ehrenamtliches Engagement von Bürgern sei höchst willkommen. Dies werde jedoch keineswegs eine professionelle Betreuung ersetzen, sie sei zurzeit noch im Aufbau.
Wer zum ersten „Runden Tisch“ interessierter Helfer am Dienstag, 1. September um 17.30 Uhr im Ansgar-Gemeindesaal keine Zeit hatte, kann sich noch unter der Mailadresse sozialraummanagement@hamburg-nord.hamburg.de melden. Über die Unterkünfte Süderschule und Holitzberg berichtet das Wochenblatt in der kommenden Ausgabe.

Protestbrief der Anwohner:
Bei heiklen Themen den richtigen Tonfall zu treffen ist mitunter nicht leicht. Vor allem, wenn es um Flüchtlinge geht. „Wir sind keine rechtsradikalen Hasser“, betont denn auch Horst D. von vorneherein. Er ist unmittelbarer Anlieger der Grellkampschule und hat – gemeinsam mit rund 80 Nachbarn – gerade einen Protestbrief an den Senat geschickt. Die Unterzeichner drücken ihren Unmut darüber aus, dass die ehemalige Schule quasi über Nacht und hinter ihrem Rücken zur Zentralen Erstaufnahme (ZEA) umgewandelt wurde. Die Anwohner fühlen sich „nicht mitgenommen“, so der Tenor des Schreibens: „Mit dieser Politik fördern Sie keine Willkommenskultur, sondern Angst, Unverständnis und Wut, die in Fremdenhass übergehen kann - was wir alle auf keinen Fall wollen“, heißt es in dem Schreiben.
Im Hintergrund stehen mehrere mutmaßliche Vorfälle, über die die Nachbarn inzwischen Protokoll führen. So habe es Rempeleien, Belästigungen, Schlägereien auf dem Gelände und auch offensichtliche Fahrraddiebstähle gegeben, berichten Anwohner.
Die Polizei will sich zu Einsatzzahlen und -gründen an der ZEA nicht näher äußern. Horst D.: „Einige Nachbarn wollen sich jetzt Hunde und Alarmanlagen anschaffen.“ Immerhin: Den Info-Abend und die avisierten Lösungen findet er positiv - „gute Anfänge sind gemacht“, so D. (bcb)
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