Neuen Nachbarn helfen

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Aktiv als „Paten“ für zwei junge Syrer: Karin Witte und Johannes Harborth Foto: Haas

Paar übernahm Patenschaft für Flüchtlinge aus der Erstaufnahme Grellkamp

Langenhorn Gerade liegen Jeans bereit zum Ändern an der Nähmaschine. „Für meine Jungs“, sagt Karin Witte (73) lächelnd. Mit ihrem Lebenspartner Johannes Harborth (80) kümmert sie sich um Ammar und Amir, ihre neuen Nachbarn. Per WhatsApp halten sie Verbindung. Etwa weil die deutsch-arabische Grammatik eingetroffen ist oder Schlafanzüge. Oder Schuhe, die Karin Witte für ihre Schützlinge bei ebay ersteigert hat. Dann lädt sie ein zu Kaffee und ein paar Snacks.
Die „Jungs“ sind knapp über 20 Jahre alt und nach der strapaziösen Flucht aus Syrien übers Mittelmeer vor Wochen in der Erstaufnahme am Grellkamp gelandet. Beim Spaziergang am Bornbach lernten sie sich kennen, Karin Witte hatte sie einfach angesprochen: „Marhaba!“, das heißt „Willkommen!“ Dann unterhielten sie sich weiter auf Englisch.
Die agile Seniorin, 30 Jahre lang als Krankenschwester berufstätig, beherrscht Höflichkeitsformen, seitdem sie viele arabischsprachigen Länder im Orient bereiste. In Oman und Jemen, im Iran, in Marokko, Tunesien und Jordanien war sie schon mit Gruppenreisen unterwegs. Syrien und seine wertvollen Kulturschätze hat sie 1996 besucht.
Viele historische Gebäude, das weiß sie, liegen jetzt in Schutt und Asche nach Bombardements. Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ zerstörte mutwillig wesentliche Teile des syrischen Weltkulturerbes.
Wehmütig deutet Karin Witte auf ein Foto aus Homs: der Stadt, in der Amir aufwuchs und aus der er mit Familie fliehen musste. Sobald Flugzeuge bei Starts oder Landungen über dem Grellkamp brummen, zuckt er zusammen. Er sei schwer traumatisiert, noch könne er nicht darüber reden. Aber die Anspannung verliere sich, je öfter man zusammenkomme. Noch sind Amir und Ammar in großer Sorge um ihre Familien. „Manchmal sitzen sie beim Kaffee und erzählen wie kleine Jungs, wie sehr ihnen ihre Mütter fehlen.“ sagt Karin Witte. Dann nutzen sie den WLAN-Anschluss ihrer Freunde, um mit ihren Familien in Damaskus und in einem libanesischen Flüchtlings-Camp zu telefonieren.

Nachbarn starteten Hilfe-Initiative


Für alle Flüchtlinge sei der Kontakt per Mobiltelefon enorm wichtig, weiß Johannes Harborth. Zusammen mit 15 Nachbarn startet der Ingenieur im Ruhestand deshalb eine Initiative für einen kostenlosen WLAN-Hotspot für die Unterkunft am Grellkamp. Auch eine Fahrrad-Werkstatt wäre dringend angesagt. „Die jungen Leute wären fit genug, alte Räder selbständig oder unter Anleitung aufzuarbeiten.“ sagt Harborth. Leider fehlen immer noch geeignete Räume. Allmählich bewege sich was, meint das Paar. Bei der Einrichtung der Kleiderkammer hatten beide nach Kräften mit angepackt. Für die Kinder gibt es mittlerweile Schulunterricht. „Auch unter uns Nachbarn tut sich erstaunliches.“ Schon beim ersten runden Tisch kamen sie miteinander ins Gespräch, „so intensiv, wie lange nicht.“ freuen sich Johannes Harborth und Karin Witte. Viele pflegen jetzt auch Kontakte mit den Flüchtlingen. Schon ein „Marhaba“ oder „Hallo“ auf der Straße breche das Eis.
Ammar und Amir zeigen indessen ihre Dankbarkeit: in der Anrede „Hadsch Johannes“ und „Hadscha Karin“ zollen sie ihre Ehrerbietung. Über dem Sofa hängt schon seit fünf Jahren ein Bild mit arabischen Kaligrafien. Sie bedeuten: Liebe, Toleranz, Frieden und Freiheit. Die beiden jungen Syrer verstehen sie gut: als Wegweiser zu einer besseren Zukunft. (wh)
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