Unvergessen

Anzeige
Langenhorns berühmtester Einwohner – hier am 2. Oktober 1982, einen Tag nach seiner Abwahl durch ein Konstruktives Misstrauensvotum. Rund 6500 Menschen nahmen damals im Neubergerweg an einem Fackelzug zu seinen Ehren teil Foto: Biehl
 
Zum Wahllokal gingen die Schmidts gern zu Fuß, begleitet von Schaulustigen, wie hier zur Bundestagswahl 1976 Foto: Biehl

In Langenhorn werden nach dem Tod von Helmut Schmidt Erinnerungen wach

Von Bert C. Biehl
Langenhorn
Der berühmteste Einwohner des Stadtteils ist gestorben. Aber die Erinnerungen leben. Gerade in diesen Tagen besinnen sich die Langenhorner Nachbarn besonders auf Helmut Schmidts Präsenz im Stadtteil. Begegnungen, Erlebnisse, Ereignisse - viele der zahllosen Besucher, die in den vergangenen Tagen zum Wohnhaus am Neubergerweg pilgern, können etwas berichten. Es ist auch mehr als eine Woche nach dem Tod des früheren Bundeskanzlers das Gesprächsthema Nummer eins im Stadtteil.
Und egal wie die Langenhorner politisch zum Staatsmann Schmidt standen - von den vielen Facetten des Menschen scheint eine durchweg unbestritten. „Das war ein ganz normaler Nachbar, ganz bodenständig, kein bisschen abgehoben“, erinnert sich Jens-Carsten Dreier im Wochenblatt-Gespräch. Der heute 56-Jährige hatte ein Privileg, um das ihn viele seiner damaligen Mitschüler beneideten: Er war direkter Nachbar der Schmidts, wohnte im Endhaus der Reihenhauszeile Garten an Garten mit ihnen.
Ein Logenplatz bei den vielen Staatsbesuchen. „Als der sowjetische Staatschef Breschnew vorfuhr, haben wir versucht die Staatskarossen zu zählen“, schmunzelt der Holzwirt heute - es waren so um die 30 schwere Limousinen. Ende 1961 war Dreier als Kleinkind mit seinen Eltern in die Neue-Heimat-Siedlung am Neubergerweg gezogen. Da war Schmidt schon Innensenator.

Tischtennis mit dem Nachbarn


„Trotzdem kam er gern mal rüber, spielte mit meinem Vater im Garten Tischtennis“, berichtet Dreier. Ganz besonders in Erinnerung: „Wir Kinder in der Reihe haben auch Schmidts Eltern noch kennen gelernt., die im Hinterhaus wohnten. Mutter Ludovika war als Kindergärtnerin sehr kinderlieb, und wenn wir draußen spielten, hat sie uns manchmal Bonbons geschenkt.“ Dass Schmidt auch als Bundeskanzler noch in der damals bestehenden nahen Ladenzeile einkaufte, ist in Langenhorn Legende. Ob zum kleinen Supermarkt „Pro“, zu Tabak-Esselsgroth, zur Drogerie Rakow oder zum Gemüsehändler Rusch in der Theodor-Fahr-Straße – manchmal kam Helmut Schmidt in Hausschuhen, oft auch ohne Leibwächter. Den markanten Haaarschnitt gab es bei Friseur Kleinecke. Und regelmäßig waren Helmut und Loki Schmidt auf Spaziergängen im weitläufigen Grün rund um ihr Haus unterwegs, erwiderten freundlich jeden Gruß.

Im Stadtteil präsent


Gut inszeniert waren auch die Schmidt‘schen Wahlgänge. Die 874 Meter zum Wahllokal in der Grundschule Neubergerweg legten Kanzler und Gattin oft zu Fuß zurück, und häufig in einem Tross von Dutzenden Schaulustigen, zu denen der Zeitpunkt des Spaziergangs durchgesickert war. Auch an öffentlichen Veranstaltungen nahm Schmidt gerne teil, ob an der Eröfnung der Polizeistation im Wördenmoorweg 1977 oder bei der 650-Jahr-Feier im Juli 1982. „Damals stand auf einer Wiese am Neubergerweg ein Festzelt“, erinnert sich Ex-Nachbar Jens-Carsten Dreier, „Schmidt kam einfach rüber und feierte mit den Leuten.“

Bedrohungslage


Doch die Bedrohungslage in der Terror-Phase der 70er-Jahre forderte auch ihren Tribut im Stadtteil. Eines Tages war plötzlich der Zebrastreifen an der Ecke Parowstraße verschwunden. An dieser vor allem für Schulkinder wichtigen Querungshilfe hätte Schmidts Dienstwagen gestoppt werden und ein Angriff aus dem uneinsehbaren Waldgelände des AK Ochsenzoll erfolgen können. Recycling-Container wurden vom Neubergerweg in eine Seitenstraße versetzt. Der Kleingartenverein hinter Schmidts Haus erhielt eine besonders helle Wegbeleuchtung. Schwer bewaffnete Bundesgrenzschutzstreifen patroullierten, und wer nachts in diesem Gelände unterwegs war, konnte sicher sein, kontrolliert zu werden.
Beim Fernsehtechniker Heinrich B. aus der Parowstraße klingelten eines Tages zwei Beamte des Landeskriminalamtes. Das ernste Gespräch endete damit, dass der Handwerker die Nummernschilder seines Firmen-VW umtauschen musste - seine waren von Terroristen nachgeprägt worden. Beim Ausheben eines ihrer Unterschlupfe waren die gefälschten Kennzeichen gefunden worden.
1978 wurde das Kanzlerhaus und der mittlerweile auf dem einstigen Vorgarten angelegte Garagenhof „raketensicher“, wie es die Presse damals griffig formulierte. Kameras, Bewegungssensoren, Flutlicht. „Damals hat man auch uns aufgerüstet“ erinnert sich Ex-Nachbar Dreier, „wir bekamen Panzerglastüren mit Gegensprechanlage und direkter Verbindung zur Polizei“ – falls Terroristen einen Angriff durchs Nachbarhaus hätten vornehmen wollen. Damals habe es viele Fehlalarme gegeben – wegen der Katzen, die die Sensoren berührten, so Dreier.

Jovial und nett


„Wenn ich manchmal Filme sehe, wo er als ‚Schmidt-Schnauze‘ agiert“, resümiert Dreier, „kann ich nur sagen: Als Nachbar war er ganz jovial und nett. Der Herr Schmidt von nebenan eben.“ 1979 zog Dreier aus dem Neubergerweg fort. „Als Loki das mitkriegte, hat sie mich rübergebeten und mir für die Wohnungsausstattung drei hübsche Pflanzen aus ihrem Gewächshaus geschenkt.“ Das bewegt ihn noch heute.Erinnerungen, Gedanken wie diese mögen es sein, die den vielen Hunderten durch den Kopf gingen, die seit Schmidts Tod schon das Wohnhaus am Neubergerweg aufgesucht haben, Blumen, Wachslichter und bisweilen auch Briefe am Jägerzaun niedergelegt haben. Autofahrer bremsen ab, wenden den Blick, Passanten halten kurz inne, Anwohner führen Besuch her, erläutern.

Museum geplant


Dass der Besucherandrang zukünftig nachlässt, ist nicht zu erwarten. Wenn Schmidts Doppelhaus wie erwartet zum Museum wird, könnte es ein ähnliches Interesse wie an dem Haus von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Rhöndorf bei Köln geben. Dorthin pilgern laut der betreibenden Stiftung jährlich rund 35.000 Besucher – gut 114 pro Öffnungstag.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige