Verteilen statt wegwerfen

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Nicole Schlüter (l.) und Melanie Schwarz haben gerade einige Kisten Lebensmittel von einem großen Supermarkt übernommen. Jetzt wollen sie die geretteten Waren weiterverteilen Foto: Nowatzky
 
Nicole Schlüter ist Foodsharing-Botschafterin für Hamburg-Nord. Sie betreut die ehrenamtlichen Lebensmittelretter Foto: Nowatzky

Lebensmittel-Retter der Aktion „Foodsharing“ jetzt auch in Langenhorn aktiv

Von Stefanie Nowatzky
Langenhorn
„Lebensmittel retten macht süchtig“, bekennt Melanie Schwarz. Die engagierte Bramfelderin hat sich am Vormittag am Hintereingang einer Supermarktkette mit ihren Mitstreiterinnen Christina Schlüter und Monika Graetz getroffen, um überzählige Lebensmittel abzuholen und so vor dem Müll zu bewahren. Laut einer Studie der Universität Stuttgart werden in Deutschland jährlich elf Milionen Tonnen Lebensmittel als Abfall entsorgt. 550.000 davon im Handel und über 6,5 Millionen in privaten Haushalten. Dagegen wollen Foodsharer etwas unternehmen. Christina ist seit 2013 dabei. Die 35-Jährige wurde gerade Mutter, als sie anfing, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Auf der 2012 gegründeten Internet-Plattform foodsharing.de haben sich bundesweit engagierte Privatleute eingetragen, die mit sogenannten Einkaufskörben Überschüsse aus ihrem Kühlschrank oder Garten zum Abholen anbieten. Auch Christina stellte Lebensmittel, die sie nicht mehr verbrauchen konnte, ins Internet und bewahrte es so vor dem Wegwerfen. Auch in Langenhorn gibt es jetzt neu eine feste Anlaufstelle.
Mittlerweile gibt es in Hamburg zahlreiche Kühlschränke zum Beispiel in Cafés und an der Uni, die mit überzähligen Lebensmitteln bestückt werden und aus denen sich gratis bedient werden darf. Doch nur den eigenen Kühlschrank teilen war Christina nicht genug. Sie informierte sich auf der Plattform, besuchte ein Neulingstreffen und wurde Lebensmittelretterin. Seitdem fährt sie zu Supermärkten, Bäckereien oder Gemüsehändlern, sammelt Waren ein, die nicht mehr verkauft werden können, und teilt sie mit Mitbewohnern, Studenten und Senioren der Umgebung.
Heute ist die Ausbeute groß. Der Supermarkt hat kistenweise Ware bereitgestellt, die Monika, Melanie und Christina erst auf ihre drei Autos und dann in ihrem Umfeld verteilen wollen. Papaya, Zucchini, Oliven, Kohl, Salate, Nektarinen und Pfirsiche mit kleinen Druckstellen, H-Milch, Käse, und sogar Haarpflegeprodukte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen ist. Monika beliefert in ihrer SAGA-Siedlung in Lokstedt ganze Familien, die sich schon auf das große Angebot im Gemeinschaftsraum freuen. Melanie hat ebenfalls Familien und auch viele ältere Leute in der Nähe, die von ihrer Sammelleidenschaft profitieren dürfen. Nicht nur Supermärkte, sogar eine Schulküche fährt sie heute noch an, holt dort eimerweise frisch gekochtes Mittagessen ab, das von den Kindern nicht gegessen wurde.
Wer die Lebensmittel bekommt, hängt nicht vom Einkommen ab. Das Ziel der Foodsaver, wie sie sich auch nennen, ist vor allem: „Keine Lebensmittel in den Müll.“
Mit den Tafeln sehen die Retter sich nicht in Konkurrenz. Auch Stefanie Bresgott, Sprecherin des Bundesverbandes „Die Tafeln“, sieht das so: „Seit März gibt es sogar eine Kooperations-Vereinbarung: Die Tafeln haben Vorrang bei Großspenden, und offene oder kleiner Spenden holen die Foodsaver – wir haben das gleiche Ziel.“ Manchmal arbeiten die Organisationen auch zusammen.
Zudem ist die Zielgruppe anders: Tafelnutzer müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen. „Das ist eine Hemmschwelle“, weiß Monika. Einige ihrer „Kunden“ kommen deshalb lieber zu ihr in den Gemeinschaftsraum: „Die Dankbarkeit der Leute ist unglaublich groß.“
Sie selbst profitiert ebenfalls vom Foodsharing: „Ich hole auch für mich und meine große Familie Lebensmittel.“ So halten es auch Christine und Monika. Dafür investieren sie etliche Arbeitsstunden pro Woche in ihre „Mission“. Neben dem Geldspar-Aspekt spielt für die drei vor allem eines eine Rolle: „Man bekommt ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln“, sagt Monika. Auch die Langenhornerin Yvonne Marten holt jetzt täglich bei drei Firmen im Stadtteil Lebensmittel ab und gibt sie weiter: Immer Dienstag-, Donnerstag- und Sonnabendabend hat sie bei sich zu Hause ein „Tischlein deck dich“ aufgestellt.
Die Adresse der Verteil-Stelle nahe dem Langenhorner Markt erhält, wer sich im Internet auf foodsharing.de registriert.
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