Gefangene helfen Jugendlichen

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Mitarbeiter Teyfik Sahin (l.) und Geschäftsführer Volkert Ruhe im Gespräch mit einem 14-Jährigen aus Wien, der gemeinsam mit seinem Betreuer anreiste und eine JVA besucht Foto: sim
 
Ausschussvorsitzender Axel Kukuk (l.) überreicht die Urkunde an Geschäftsführer Volkert Ruhe Foto: sim
Hamburg: Wandsbeker Königsstraße 50 |

Hamburger Verein setzt auf Prävention und wird dafür mit dem Wandsbeker Sozialpreis geehrt

Von Siegmund Menzel
Hamburg
Volkert Ruhe aus Hamburg ist früh auf die schiefe Bahn geraten. Gewalt in der Familie, viel Alkohol, Obdachlosigkeit, Diebstahl, Drogenschmuggel und Gefängnis gehören zu seinem Leben. In der JVA Fuhlsbüttel entstand 1996 gemeinsam mit einem anderen Häftling die Idee, Jugendliche durch Konfrontation mit Knast und Gefangenen von einer kriminellen Laufbahn abzubringen. Ruhe möchte ihnen das ersparen, was er selbst erlebt hat.

Mehrfach ausgezeichnet


Im Jahr 2000 schließlich wurde der Verein „Gefangene helfen Jugendlichen“ gegründet, der auf Präventionsarbeit setzt. Zum Programm zählen zum Beispiel JVA-Besuche mit gefährdeten Jugendlichen, Informationsveranstaltungen in Schulklassen und Anti-Gewalt-Training. Der Verein wolle helfen, Jugendliche „auf die richtige Spur zu bringen“, erklärte Geschäftsführer Ruhe, der nach der Haftentlassung sein Leben komplett veränderte. Er holte Schulabschlüsse nach, absolvierte ein Fernstudium „Informatik“, gründete eine Familie und baute den Verein auf, der heute eigenen Angaben zufolge etwa 60 Mitglieder hat, darunter einige ehemalige Knackis. Der Verein mit Sitz in der Wandsbeker Königsstraße 50 wurde bereits mehrfach für sein soziales Engagement ausgezeichnet, zum Beispiel durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck.

Besuche in der JVA


Die jüngste Ehrung erfolgte kürzlich durch den Regionalausschuss Kerngebiet Wandsbek der Bezirksversammlung. Vorsitzender Axel Kukuk (CDU) verlieh den mit 400 Euro dotierten Umwelt- und Sozialpreis 2016. Der Verein habe das Instrument der Sensibilisierung gewählt, Jugendliche hätten die Möglichkeit, die Konsequenz von Straftaten bereits im Vorfeld zu erkennen, sagte Kukuk. Durch Einblicke in den Alltag eines Gefangenen bekämen sie oftmals „den notwendigen Stoß in die richtige Richtung“. Nach Angaben von Volkert Ruhe besuchen jährlich etwa 20 Gruppen mit insgesamt rund 200 Jugendlichen eine JVA, nehmen an einer Gefängnisführung teil, lernen Insassen und ihre Biographien kennen, treffen sich zum gemeinsamen Mittagessen. Zur Hilfe würden zudem ein Vorbereitungs- und ein Nachbereitungstermin gehören, bei dem Eindrücke verarbeitet und Fragen beantwortet werden. So erfahren junge Leute, wie es wirklich im Knast ist. Ziel der Projekte sei, die Jugendlichen nachhaltig in ihrem Denken und Handeln zu beeinflussen. Etwa ein Drittel der Betroffenen könne man erreichen, ein weiteres Drittel teilweise, teilte der Familienvater weiter mit.

Hamburger Idee macht Schule


Der 61-Jährige freut sich, dass die Hamburger Idee Schule macht. Ähnliche Vereine gebe es durch Kooperation in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Berlin. Volkert Ruhe möchte helfen, ein „flächendeckendes Netz in Deutschland aufzubauen“. Jugendliche sollten in allen Bundesländern die Chance bekommen, an derartigen Projekten teilzunehmen. „Ich hatte mir während der Haft die Frage gestellt, was geholfen hätte, um nicht im Gefängnis zu landen.“

Weitere Infos: Gefangene helfen Jugendlichen
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