Wandsbek – der instabile Riese

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  Wandsbek ist mit über 400.000 Einwohnern der weitaus größte Hamburger Bezirk. Als eigenständiges Gemeinwesen wäre Wandsbek nach Duisburg auf Rang 16 der einwohnerstärksten Städte in Deutschland. Wandsbek ist so groß wie Bochum und hat dicht bebaute, urbane Stadtteile genauso wie ländliche Strukturen. Wandsbek hat Villen und Wandsbek hat Großsiedlungen. Und in diesem Bezirk gibt es erhebliche Differenzen in den Einkommensstrukturen, der Lebensverhältnisse und der Chancenverteilung für gesellschaftliche Teilhabe. Eine Hamburger Tageszeitung berichtete daher unlängst über den “gespaltenen Bezirk“ und stellte die sozialen Unterschiede anhand des Anteils an Hartz-IV-Empfängern in den 18 Stadtteilen dar: in der südlichen Hälfte leben 93 % der Leistungsempfänger.

Hamburg gilt im deutschen Vergleich als stark polarisierte Stadt, und Wandsbek ist mit seiner großen Bandbreite an Stadtteiltypen der wohl am stärksten polarisierte Bezirk Hamburgs. Das Hamburger Sozialmonitoring zeigt dazu eine zeitliche Entwicklungstendenz: Die Lage in den ohnehin prosperierenden Gebieten im Norden verbessert sich weiter, während die Gebiete mit den größeren sozialen Problemen hingegen zunehmende negative Tendenzen aufweisen.

Die SPD-Fraktion hat aus diesem Grund gemeinsam mit einem Team von Stadtforschern und -planern von Nexthamburg Wandsbeks spezifische Herausforderungen analysiert und Strategien erarbeitet, mit denen Wandsbek sich für die Zukunft rüsten kann (Wandsbek stabilisieren, Wandsbek Gesicht geben, Wandsbek zusammenhalten). Dabei ging es neben Offensichtlichkeiten auch um versteckte Tendenzen der Polarisierung in „unauffälligen“ Stadtteilen und neben sozioökonomischen Gegensätzen um deutliche Unterschiede in den Altersstrukturen der Stadtteile. Im vergangenen Jahr wurde dazu der „WandsbekImpuls“ als Auftakt eines breiten Bürgerdialogs vorgestellt (www.wandsbekimpuls.de).
Mit wenigen Ausnahmen gehören die Stadtteile des Bezirks bisher nicht zu den Sorgenkindern Hamburgs. Die starke Polarisierung zwischen Arm und Reich insgesamt und die drohende soziale Erosion des mittelständischen bis kleinbürgerlichen Einfamilienhausgürtels zwingen aber zum Handeln. Speziell der einstmalige „Mittelstandsgürtel“ in der Mitte des Bezirks muss neben den bekannten Gebieten sozialer Stadterneuerung in das Zentrum bezirklichen Handelns rücken. Hier wird sich entscheiden, ob und wie sich der „instabile Riese“ Wandsbek im Gleichgewicht halten lässt.

Die Ursachen für die sozialen Gegensätze verbunden mit erheblichen Konzentrationen sozialer Milieus liegen zum Teil in Rahmenbedingungen wie der konjunkturellen Lage, der demografischen Entwicklung oder Stadtplanungspolitik der Vergangenheit, die von Stadt und Bezirk aus kaum beeinflusst werden können. Wo also liegen die Handlungsbedarfe?

Es sind durchaus Maßnahmen möglich, die die soziale Mischung und damit auch die Stabilität von Stadtteilen erhalten oder erhöhen können. Diese soziale Kohäsion ist neben der bloßen Schaffung von Wohnraum eines der Ziele des Wandsbeker Wohnungsbauprogramms. Einerseits wird bei größeren Vorhaben auf einen Mindestanteil von 30% an geförderten Wohnungen geachtet, andererseits trägt die Schaffung attraktiven Wohnraums zur Aufwertung und sozialen Ausgewogenheit von Quartieren bei, z.B. auf dem Gelände der Jenfelder Au.

Daneben ist das Quartierszentrum Campus Steilshoop, das sich gerade mit großer öffentlicher Teilnahme in der Planung befindet, ein sehr wertvoller Baustein. Hier wird ein Ort der Begegnung geschaffen, der neben einem Bistro und den Angeboten aus den Bereichen Kultur, Sport, Bildung und Beratung außerdem nutzbare Stadtteilräume, z.B. für Initiativen und weitere Vereine aus dem Stadtteil, bereit hält.

Auf gesamtstädtischer Ebene wäre manchmal eine höhere Wahrnehmung wünschenswert. So befindet sich in Wandsbek keine einzige Hamburger Fachbehörde. Der Fundus der Hamburgischen Staatsoper wurde zuletzt doch nicht nach Jenfeld verlegt.

Wandsbek und alle anderen Bezirke haben insbesondere im Sozialbereich im Rahmen der im Haushalt festgelegten Mittel eine hohe Selbständigkeit. Das Netz sozialer Angebote und Infrastruktur ist vielfältig und eng am Bedarf ausgerichtet. Gerade in den sozial benachteiligten Stadtteilen fördert und betreibt der Bezirk eine große Zahl an Projekten und Einrichtungen.

Um in diesem Bereich auf die Erfordernisse flexibel reagieren zu können, hat sich zuletzt der Quartiersfonds sehr bewährt. Eine Fortführung und angemessene Erhöhung wäre daher aufgrund der oben genannten Befunde von großer Wichtigkeit.


Die SPD-Fraktion will daher in der Bezirksversammlung am 14. November beschließen:

Die zuständigen Fachbehörden werden gebeten

bei zukünftigen Infrastrukturmaßnahmen und Standortentscheidungen beispielsweise für Fachbehörden oder Landesbetriebe den Bezirk Wandsbek und seinen südlichen Teil verstärkt zu berücksichtigen.
im Senat darauf hin zu wirken, dass der Hamburgischen Bürgerschaft empfohlen wird, eine angemessene Erhöhung des Quartiersfonds zu beschließen.
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