Weg zur Selbsthilfe

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Selbsthilfeberaterin Karina Kalinowski berät in der KISS Kontakstelle im Brauhausstieg Foto: Je

KISS unterstützt verzweifelte Hamburger. Positive Bilanz gezogen

Von Martin Jenssen

WANDSBEK. Auf eine stolze Bilanz kann die Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen (KISS) verweisen. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 4.000 Hamburger beraten, die sich für eine Selbsthilfegruppe interessieren.

Träger von KISS ist der Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg mit Sitz in der Wandsbeker Chaussee. Hamburgs größte KISS-Kontakstelle liegt im Brauhausstieg 15 bis 17 in Wandsbek. Dort sprach das Hamburger Wochenblatt mit Peter (Name von der Redaktion geändert). Der ehemalige Betriebsleiter in einem großen Unternehmen litt viele Jahre an Depressionen. Eine Selbsthilfegruppe hat ihm geholfen.

Bevor er geheilt wurde, ging Peter durch die Depressions-Hölle. „Ich bin plötzlich in ein tiefes schwarzes Loch gefallen“, berichtet er über den Verlauf seiner Krankheit. Leichte Anzeichen der Krankheit spürte er schon in jungen Jahren. Voll zum Ausbruch kam seine Depression dann im Jahre 2003. Er war 53 Jahre alt. Peter wurde zunächst für 18 Monate krankgeschrieben und danach in den Frühruhestand versetzt. Vier Monate versuchten die Ärzte in der Asklepios-Klinik Ochsenzoll ihm zu helfen, doch geheilt wurde er nicht.

Peter verstummte, ging bedrückt durchs Leben. Kein Mensch verstand ihn. „Man kann diese furchtbare Krankheit keinem erklären“, sagt er. „Ich konnte nicht mehr lachen, mit keinem Menschen reden. In eine Bäckerei anzustehen und Brötchen einzukaufen, war eine furchtbare Tortur für mich. Man zieht alle negativen Gedanken auf sich.“ Hilfe bekam er in dieser bedrückenden Zeit nur von seiner Familie.

„Dann habe ich etwas über KISS gelesen“, erzählt Peter. „Das war im Jahr 2005. Ich konnte mir erst nicht vorstellen, dass es auch andere Menschen gibt, die so schrecklich leiden. Aber dann bin ich so einer Selbsthilfegruppe beigetreten. Und es war gut, sich mit anderen depressiven Menschen auszutauschen. Man konnte sich fallen lassen, sah andere Betroffene, denen es teilweise schon besser ging und ich überlegte: Wie kann ich dahin kommen?“

Es dauerte dennoch über fünf Jahre, bis Peter von seinen Depressionen befreit wurde. Er erinnert sich präzise, wo und wie es geschah. „Aber warum, das weiß ich nicht“, sagt Peter. „Ich war für eine Woche auf der Nordseehalbinsel Eiderstedt“, erzählt er. „Es war ein Regentag. Ich sah die glitzernden Regentropfen über ein Reetdach kullern. Seitdem sind die bedrückenden Gedanken verschwunden. Ich kann sogar wieder lachen.“

Nicht allen betroffenen Menschen, die sich an Selbsthilfegruppen wenden, kann geholfen werden, aber sehr vielen. „Die meisten Anfragen richteten sich nach Gruppen zu psychischen Störungen, psychosozialen Themen und Suchterkrankungen. Frauen sind deutlich stärker an Selbsthilfe interessiert als Männer. In Hamburg gibt es rund 1.300 Selbsthilfegruppen und -organisationen, an die KISS Hamburg vermittelt“, sagt Katja Gwosdz, Sprecherin des Paritätische Wohlfahrtsverband und von KISS.

Austausch tut gut


Karina Kalinowski gehört zu den Selbsthilfeberatern, die bei KISS-Wandsbek arbeiten. Sie vermittelt Ratsuchende in die verschiedenen Gruppen oder regt die Gründung neuer Selbsthilfegruppen an. Die Besucher der Gruppen tauschen sich vor allem über die Krankheiten und ihre Bewältigung aus, aber sie helfen sich auch bei Arzt- oder Krankenhausbesuchen, manchmal auch bei privaten Problemen.
„Das Gespräch mit anderen Betroffenen fördert das Selbstbewusstsein“, sagt Peter, der obwohl geheilt, immer noch zu seiner Gruppe geht. „Ich bin noch dabei, als Beispiel, dass es gut gehen kann“, sagt er.

KISS Hamburg ist Montag bis Donnerstag jeweils von 10 bis 18 Uhr unter
Telefon 395767 erreichbar, www.kiss-hh.de/
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