Rezensiert: "Schnauze Wessi" von Holger Witzel

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Wahrheiten im Gewand der Ironie - Holger Witzels Abrechnung mit den westdeutschen Losern. (Foto: Gütersloher Verlagshaus)
Darauf hat die geschundene ostdeutsche Seele gewartet: der Stern-Kolumnist Holger Witzel rechnet mit den Arbeitslosen, Gescheiterten, Kriminellen, vermeintlichen Glücksrittern und Versagern ab, die sich nach der Währungsunion die neuen Länder unter den Nagel gerissen haben. Die vom langjährigen Arbeitsamtkunden in Kassel zum unkündbar Beschäftigten im Öffentlichen Dienst in Magdeburg aufstiegen. Die bislang unentdeckten Doktor Postels, die vermutlich noch Jahrzehnte und zu Tausenden irgendwo in schicken Zonenbüros ihr Unwesen treiben. Die dafür gesorgt haben, dass im Osten die Chance vergeben wurde, ein zweites Amerika aufzubauen (man muss sich nur den südlich von Leipzig gelegenen Freizeitpark Belantis anschauen und mit dem Disneyland nahe Orlando vergleichen).

Witzel spricht das aus, was jeder gelernte "DDR-Bürger" denkt, sich aber nicht auszusprechen getraut. Er beobachtet genau, wird oft sehr böse und hat fast immer recht, während er zwischen Sarkasmus, Zynismus und Selbstbewusstsein mäandert. Natürlich werden im Diskurs zu dieser Kolumnensammlung bald Begriffe wie "übertrieben", "überspitzt" und "ironisch" bemüht werden, doch nur Ossis werden verstehen, wie objektiv Witzels subjektive Schilderungen sind.

Nicht missverstehen, es gab Ausnahmen: auch fähige junge Menschen kamen in den frühen Neunzigern in den Osten, weil sie zu Unrecht keine Chancen auf eine Karriere im Westen hatten. Und die Westdeutschen, die mir in meiner (westdeutschen) Arbeitswelt bislang begegnet sind, hatten ausnahmslos keinen Grund, sich der Invasion anzuschließen.

Witzel beschreibt, wie fehlendes Selbsbewusstsein mit unangemessener Lautstärke bei Elternabenden kompensiert wird. Er porträtiert Cluburlauber, die für die Dauer der tariflichen Sonderzahlung zur Schickeria gehören wollen, er schildert die Karrieren von Dorflehrern, die plötzlich der zweitcoolsten Stadt in den neuen Ländern (nach Berlin) vorstehen.

Der Journalist und Romanautor lässt aber auch viel weg: so wird der Nichtangriffspakt, den tausende belastete Ostkader mit ihren unfähigen neuen Chefs eingegangen sind, ignoriert. Und diese gefährliche Mischung birgt jede Menge gesellschaftlichen Sprengstoff, denn im Osten scheint es 20 Jahre später normal zu sein, dass frühere SED-Büttel und Stasispitzel in Anstalten des Öffentlichen Rechts die DDR im Kleinen weiterleben lassen.

Ein brisantes Thema, das Holger Witzel vielleicht zu einer Fortsetzung ermuntern sollte. Bis dahin gilt ohne Einschränkungen: Schnauze Wessi!

Holger Witzel
Schnauze Wessi
Pöbeleien aus einem besetzten Land
erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Verlagsgruppe Random House)
Klappenbroschur, 192 Seiten
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