Hafencity: Ich lieb dich, ich lieb dich nicht...

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Elphilharmonie- Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Hamburg: Hafencity | Der erste Eindruck zählt - der letzte bleibt... Wie passt diese Binsenwahrheit auf einen Stadtteil? Ist es überhaupt notwendig, Zeit aufzuwenden, um über einen von vielen Hamburger Stadtteilen zu schreiben? Gibt es aktuell nicht sehr viel Wichtigeres in dieser Stadt? Die Entscheidung, doch darüber zu schreiben, hat folgenden Grund: Nach fünf Jahren ist es mir als Bewohner und Selbstständiger in der Hafencity noch immer ein Rätsel, warum etliche, vor allem auch die Medien, mit großem Aufwand auf den Stadtteil einschlagen: Die Gebäude seien hässlich, die Bewohner arrogante Reiche – obwohl auch immer wieder zu hören ist, dass dort ja eh niemand wohnt. Es gäbe kein Grün, Parkplätze sind Mangelware und die Geschäfte der Pleite geweiht – obwohl sie ja gar keine Miete zahlen. Und überhaupt: Da ist ja gar nichts los! Vergessen darf man an dieser Stelle natürlich nicht den Klassiker, der prominent aus der Stadtsilhouette heraus ragt: das "Milliardengrab Elbphilharmonie". Zugegeben, es gibt auch Vorurteile, die mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind: Was ist eigentlich aus der Spinnenplage geworden?
Schließt in anderen Stadtteilen ein Geschäft, wird das "For Rent"-Schild im Schaufenster reaktionslos wahrgenommen. In Hamburgs jüngstem Stadtteil bleibt das alles andere als unbemerkt. "Die Hafencity stirbt" oder "Hamburgs traurigster Stadtteil" tippen Redakteure dann eifrig in ihre Schlagzeilen – und wiederholen sie Mantra-artig bei jedem neuen Geschäftswechsel. Das sich so etwas sehr wohl in den Köpfen hält, das beweist mir mein Alltag.

Als Inhaber einer Bar kommt man in den besonderen Genuss engagierter und gut informierter Hafencity-Besucher. Von ihnen erfahre ich zum Beispiel, dass ich keine Miete zahlen muss: "Das ist ja bei euch so, damit ihr überleben könnt", verraten sie mir. Oder sie kommentieren die Gästeanzahl, wobei man feststellt, dass man ihnen das eine wie das andere präsentieren kann – für jede Situation gibt es ein passendes Statement: "Hier ist ja nichts los!" versus "Ist nicht immer so voll - oder?" Ich kenne keine Stadt oder einen Stadtteil, wo die Hemmschwelle so gering ist, in Läden zu spazieren und derartige Fragen zu stellen.

Gerne erinnere ich mich an einen Artikel, der die fehlenden Menschen in der Hafencity beklagte. Soweit, so gut. Das pikante Detail: Der Artikel beschrieb eine Situation an einem Dienstag um 2 Uhr nachts. Was den Autor dieser Zeilen verwunderte: In der Hafencity gibt es zu dieser beschriebenen Zeit ja nicht einmal Dosenbier zu erwerben! Hoffen wir, dass der Autor seinen Feldversuch einmal auf andere Teile Hamburgs ausweitet, denn sogar in den Stadtteilen, die an die üblichen 24/7-Partymeilen angrenzen, kann es ebenfalls zu besagter Zeit zu Versorgungsengpässen in Sachen Dosenbier kommen. Kurz: Der gleiche Artikel über einen anderen Stadtteil und das Gelächter wäre groß gewesen. In diesem besagten Fall aber überschlugen sich die Leserkommentare mit Erfahrungsberichten über das "Reichenghetto". Nicht selten kommt es übrigens vor, dass Artikel dieser Art stimmungsvoll mit Fotos bebildert sind, die bei Regenwetter aufgenommen wurden. Ein Detail, auf das dieser gottlob verzichtete.

Man kann diesem Artikel eine gewisse Komik abringen. Oder den Verfassern keine böse Absicht unterstellen, sondern den Grund in etwas anderem suchen. Mangelnde Kenntnis über die wachsende Struktur und deren Bewohner etwa. Oder Zeitmangel bei der Recherche, vielleicht musste der Artikel auch einfach schnell fertig werden. Am Ende stellen sich allerdings ernst zu nehmende Fragen: Wie wirken sich diese Berichterstattungen auf Investoren, mögliche Existenzgründer und auch auf die breite Touristen- und Besuchermasse aus? Meine Erfahrung deutet etwas Ungutes an. Zwischen Bier und Longdrink kommt es an meinem Tresen öfters zu den oben beschriebenen Szenen.
Meine persönliche Empfehlung: Macht euch einfach einen eigenen Eindruck. Legt Presse und "Erfahrungsberichte" wohlwollend zur Seite und besucht diesen blutjungen und noch in den Kinderschuhen steckenden Teil Hamburgs. Wer sich mit der so oft zitierten und geschätzten "Hamburger Etikette" Anwohnern und Gewerbetreibenden nähert und ins Gespräch kommt, wird durchaus den "Pioniergeist" treffen, der die Menschen in dieses Neuland verschlagen hat. Wer diesen Stadtteil dann immer noch zu hässlich, zu leer oder zu voll findet oder wer Bäume und Parkplätze vermisst und die Menschen hier arrogant findet, fährt einfach überzeugt und zufrieden zurück in sein eigenes Zuhause und weiß dieses zu schätzen. Ohne hellseherische Fähigkeiten zu besitzen, wage ich allerdings die Prognose: Viele gehen sicherlich überrascht nach Hause, wenn sie die "normalen" Seiten der Hafencity kennen gelernt haben. Und vielleicht schließt sich für den ein oder anderen dann der Kreis zur alten Binsenweisheit: Trotz des ersten Eindrucks ist es der letzte, der hängen bleibt!
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5 Kommentare
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Michael Kahnt aus Barmbek | 27.10.2015 | 07:38  
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Thomas Grob aus St. Georg | 27.10.2015 | 09:28  
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Michael Kahnt aus Barmbek | 27.10.2015 | 09:51  
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Andy Khaldi aus Billstedt | 27.10.2015 | 10:53  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 29.10.2015 | 09:36  
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