Busse auf der Überholspur

Anzeige
SVG-Chef Claudius Mozer plant von Norderstedt aus alle Buslinien für die Kreise Segeberg und Pinneberg. Foto: Fuchs
 
Hella Spillert hat mit ihrem Rollator Probleme damit, dass Busfahrer oft sofort weiterfahren, wenn sie eingestiegen, aber noch nicht auf ihrem Platz ist. Foto: Fuchs

Immer mehr Menschen lassen das Auto stehen und steigen in den Bus um

Von Burkhard Fuchs
Norderstedt/Bad Segeberg. Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Hamburger Umland boomt. So sind im Jahr 2011 rund 700 Millionen Menschen im Hamburger Verkehrsverbund (HVV) mit Bus und Bahn gefahren, 100 Millionen mehr als noch vor fünf Jahren.
Das entspricht einer Steigerung um 17 Prozent. Allein 2011 nutzten drei Prozent oder 20 Millionen Fahrgäste zusätzlich das HVV-Angebot. Eine Steigerungsrate, die viermal so hoch ist wie der Bundesdurchschnitt. Besonders dynamisch ist diese Entwicklung im Kreis Segeberg, sagt Nahverkehrsplaner Claudius Mozer, der als Geschäftsführer der Südholstein Verkehrsservicegesellschaft (SVG) mit Sitz in Norderstedt Chefplaner für alle 140 Buslinien in den Kreisen Segeberg und Pinneberg ist, 92 davon verkehren im Kreis Segeberg. So hat sich die Zahl der Fahrgäste bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein (VHH), die auch den Busverkehr in Norderstedt bedienen, seit 2007 um zehn Millionen auf 105,7 Millionen Fahrgäste erhöht, sagt VHH-Sprecher Kay Götze. 42 zusätzliche Busfahrer sind seitdem neu eingestellt worden. 1598 Busfahrer beschäftigt die VHH insgesamt.
„Der Busverkehr wächst und hat eine große Zukunft“, ist SVG-Chef Mozer überzeugt. Das liege zum einen daran, dass das Angebot immer dichter und der Komfort besser werde. Zudem würde das Busfahren angesichts der stark steigenden Benzinpreise im Vergleich zum Individualverkehr immer kostengünstiger, sodass mehr Leute vom Auto in den Bus umstiegen. „In städtischen Bereichen ist das Auto als Statussymbol auf dem Rückzug.“ Diese Entwicklung kann Hella Spillert nur bestätigen. Die Rentnerin, die fast täglich mit dem Bus fährt, sagt: „Die Busse in Hamburg sind immer voll. Mich wundert nur, dass die Busunternehmen nicht mit dem Geld der Fahrgäste auskommen.“
Da hat die rüstige Dame Recht. Nur etwa die Hälfte der Kosten des ÖPNV wird durch die Fahrerlöse eingespielt. Die andere Hälfte trägt die öffentliche Hand. Das gilt auch für den Kreis Segeberg, wo der Steuerzahler den Busverkehr mit 10,5 Millionen Euro im Jahr bezuschusst, weil die Fahrgäste auch hier nur etwa der Hälfte der Gesamtkosten (21 Millionen Euro) beitragen.
Mit der Schaffung der Schnellbus-Linien 594 (Norderstedt – Quickborn – Pinneberg) und 295 (Norderstedt – Bönningstedt – Pinneberg) habe das Busangebot ein sehr hohes Niveau im Raum Norderstedt erreicht, sagt Mozer. Allein dies zu erhalten, sei eine ambitionierte Aufgabe. Auch die Zufriedenheit der Fahrgäste ist den Unternehmen sehr wichtig. So hatte der VHH Anfang des Jahres 1600 Fahrgäste eingeladen, um deren Sorgen, Anregungen, Kritik und Lob zu hören. Die Auswertung läuft noch, sagt VHH-Sprecher Kay Götze. Aber die meisten Leute seien weitgehend zufrieden mit ihren Buslinien. Kritik richte sich an unpünktliche Anschlüsse, rücksichtslose Fahrgäste, unübersichtliche Beschilderung, wenig hilfsbereite Busfahrer und schlechte Bedienung der Automaten.
So sieht auch Chefplaner Mozer seine Aufgabe vordringlich darin, auf die künftige demografische Entwicklung richtig zu reagieren, auch wenn der Kreis Segeberg seine Bevölkerungszahl noch etwa zehn Jahre stabil halten dürfte. Aber in ländlichen Regionen würden sich schon jetzt Anruf-Sammeltaxis lohnen, wie dies beispielsweise in Norderstedts Nachbargemeinde Tangstedt erfolgreich praktiziert wird. Dort fahren Taxi-Unternehmer zu festen Zeiten im Auftrag der Busunternehmen Bushaltestellen auf Abruf an, was billiger sei als leere Linienbusse dort verkehren zu lassen.
Zudem geht der Nahverkehrsexperte davon aus, dass sich der moderne mobile Mensch zukünftig „multi-modal“ bewegen wird: je nach Bedarf mit Pendlerportalen, Carsharing und Leihrädern. In Hamburg gebe es bereits 100 Stationen an Bahnhöfen und Haltestellen, wo die Leute für die Weiterfahrt auf Mieträder umsteigen können. Auch in Norderstedt können diese Räder am ZOB, in Norderstedt-Mitte und am Stadtpark einfach und günstig ausgeliehen werden. Und wenn, wie zu erwarten sei, die öffentlichen Zuschüsse für den ÖPNV sinken, könnten auch Paket- und Kurierdienste in dieses öffentliche Netz der Mobilität eingebunden werden. In Sievershütten und Pronsdorf im Kreis Segeberg gibt es sogar zwei Buslinien, wo die Busse von ehrenamtlichen Fahrern gesteuert werden. Mozer: „Der gesamte Mobilitätsverkehr entwickelt sich hin zum ÖPNV, angeschoben vom Umweltbewusstsein und vom Kostendruck.“ (bf)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige