Die Suchtspirale durchbrechen

Anzeige
ATS-Leiter Hans-Jürgen Tecklenburg mit seinen Sozialpädagoginnen Astrid Mehrer, Ronja Plew und Sina Jessen (von links).Foto: Fuchs
 
Pastor Rüdiger Gilde ist Direktor der ATS Suchthilfe der Inneren Mission, die 2500 Mitarbeiter beschäftigt. Foto: Fuchs

Seit zehn Jahren kümmert sich die Suchthilfe um Kinder von suchtkranken Eltern

Von Burkhard Fuchs
Norderstedt/Quickborn. Ein richtiges Jubiläum ist es noch nicht. Aber für ein Hilfsangebot einer Beratungsstelle sind zehn Jahre eine lange Zeit. Die ambulante und teilstationäre (ATS) Suchthilfe der Inneren Mission, die Beratungsstellen in Norderstedt, Quickborn, Kaltenkirchen und Bad Segeberg unterhält, kümmert sich seit 2002 gezielt um Kinder, deren Eltern suchtkrank, meist alkoholabhängig sind. In dieser Zeit konnte 200 betroffenen Kindern im Rahmen des Projektes „Kleine Riesen“ Beistand geleistet werden, sagte jetzt ATS-Leiter Hans-Jürgen Tecklenburg bei einer kleinen Geburtstagsfeier. Zurzeit würden etwa 25 betroffene Kinder zwischen vier und 16 Jahren betreut.
Das Problem sei lange unterschätzt und vernachlässigt worden, sagt Tecklenburg. Dabei seien es bundesweit gut 2,5 Millionen Kinder, die mit dem Suchtproblem ihrer Mütter und Väter oft allein gelassen und mit dieser Situation fertig werden müssten. „Sucht ist eine Familienkrankheit, die sich mit fortschreitendem Krankheitsverlauf zunehmend auf das Familienleben auswirkt. Meist sind die Kinder durch die Suchterkrankung der Eltern stark belastet und in ihrem seelischen und emotionale Gleichgewicht beeinträchtigt“, sagt der Suchtexperte. Zudem sei das Risiko sehr groß, dass diese Kinder später als Erwachsene selber suchtkrank werden. Wie sehr sie darunter litt, dass ihre Mutter alkoholkrank war, erzählte Nina A., 22, die fast neun Jahre lang den Gesprächskreisen der Kleinen Riesen angehörte und so wieder Halt in ihrem Leben fand. „Das Problem eskalierte, als meine Eltern nach Philippinen auswanderten“, sagte die junge Frau bei der Festveranstaltung in Quickborn. Die Mutter, die offenbar nicht klarkam in der fremden Welt, in der sie niemanden kannte, trank immer mehr. „Es wurde richtig schlimm“, sagte Nina A.. Mit Mutter und Bruder kehrte sie zwar schnell wieder nach Deutschland zurück, musste dort aber in einer Pflegefamilie untergebracht werden, weil sich die Suchtkrankheit der Mutter nicht besserte. Im Gegenteil. Sie starb schließlich am Alkoholmissbrauch. In dieser schwierigen Zeit seien die Gespräche mit der Suchtberaterin und den anderen Kindern, die auch darunter litten, sehr hilfreich gewesen, sagte Nina A. „Als Kind suchtkranker Eltern fühlt man sich sehr isoliert, traut sich keinem an, wagt niemanden deshalb anzusprechen.“ Weil die Sucht der Eltern nicht öffentlich werden darf und weiterhin ein großes Tabu in vielen Familien ist, seien die Kinder zum Schweigen verurteilt. „Da haben mir die wöchentliche Treffen mit den Kleinen Riesen ein Stückweit Halt und Struktur gegeben“, sagte Nina A., die jetzt Kommunikationsdesign in Hamburg studiert. Ihre Rolle als überfordertes Kind, dass für die Mutter zum Schnaps kaufen in den Supermarkt geschickt wurde, zu Hause aufräumen, saubermachen und das Essen kochen musste, thematisierte die Studentin gleich in einer Seminararbeit. Sie drehte einen Filmspot, der die Suchtkrankheit aus Sicht des Kindes zeigte. Ein kurzes, aber beeindruckendes Werk, wie die Gästeschar in der ATS-Beratungsstelle fand, als der Streifen dort erstmals gezeigt wurde.
Das Kleine Riesen-Projekt wird vielfältig gefördert. Norderstedt bezuschusst es jährlich mit 50.000 Euro, Quickborn mit 10.000 Euro, das Kinderhilfswerk mit 2000 Euro. „Quickborn leistet einen großen Anteil“ sagte Erster Stadtrat Klaus H. Hensel. „In unserer Stadt gibt es kein Projekt, das so anerkannt ist wie die Suchtberatungsstelle.“ Das hörte Pastor Rüdiger Gilde gern, Direktor des Landesvereins für Innere Mission, der in den Landkreisen Pinneberg, Segeberg, Ostholstein, Rendsburg-Eckernförde und der Stadt Neumünster Suchtberatungsstellen und Fachkliniken unterhält. 2500 Mitarbeiter beschäftige der Landesverein, der zur Nordkirche gehört, sagte Pastor Gilde.

Info
Die ATS-Suchthilfe betreut allein im Kreis Segeberg 1550 Menschen mit Suchtkrankheiten. 60 Prozent sind vom Alkohol abhängig, 25 Prozent von illegalen Drogen. Medien- und Glücksspielsucht sind auf dem Vormarsch. (bf)
Anzeige
Anzeige
2 Kommentare
397
Rainer Stelling aus St. Georg | 29.01.2015 | 17:43  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 30.01.2015 | 09:03  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige