Freundschaft als Integration

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Eine besondere Freundschaft: Die achtjährige Tschetschenin Mjalhazni besucht jeden Montag Ursula Lietsche (93) im Seniorenheim Foto: Blume

Urlsula Lietsche (93) aus dem Pflegeheim Sommer ist Tangstedts erste „Ersatz-Ur-Oma“

Von Claudia Blume
Tangstedt
„Auf der Mauer, auf der Lauer, sitzt ‘ne kleine Wanze“ ist eines der Lieblingslieder von Mjalhazni (8). Gelernt hat die junge Tschetschenin das Kinderlied erst vor kurzem von Ursula Lietsche. Jeden Montagnachmittag besucht die Achtjährige ihre „Ersatz-Ur-Oma“ im Alten- und Pflegeheim Sommer in Tangstedt. Dort wartet die 93-Jährige bereits voller Vorfreude auf ihre kleine Besucherin. „Wenn sie kommt, geht für mich die Sonne auf“, sagt die Seniorin und lächelt übers ganze Gesicht. Das Mädchen bringt oft Blumen oder Knabbereien mit, es gibt Kekse und Apfelsaft und die beiden puzzeln, lesen oder singen zusammen. Es wirkt, als ob sie schon lange miteinander vertraut wären, dabei kennen sie sich erst ein paar Monate. Mjalhazni war vor zweieinhalb Jahren mit ihren Eltern, zwei Brüdern und einer Schwester aus Tschetschenien nach Deutschland geflohen. Ihre Mutter hatte bereits im Heimatland angefangen Deutsch zu lernen und wollte ihre Kenntnisse außerhalb der Sprachkurse verbessern. Über die örtliche Flüchtlingsbeauftragte Brigitte Schippmann und den Helferkreis suchte die inzwischen fünffache Mutter Kontakt zum Seniorenheim. Leiterin Monika Kundy war sofort begeistert von der Idee der ungewöhnlichen Integrationsarbeit. Und da Zarema Zigaewa außer dem eineinhalbjährigen Muhammed-Ali auch oft die große Schwester Mjalhazny mitnahm, entstand zwischen der rüstigen Seniorin und dem Mädchen eine besondere Freundschaft. „Die Chemie stimmte sofort, wir mögen uns einfach“, fasst Ursula Lietsche zusammen und drückt die Kleine herzlich an sich, „sie gibt mir Energie und wir genießen die Zeit.“ Vorurteile hatte sie nicht, „ich nehme jeden Menschen wie er ist.“ Die eigenen Ur-Enkel leben in Süddeutschland und kommen nur selten zu Besuch. Dafür integriert Mjalhazni die alte Dame in ihr neues Leben, erzählt von ihren Erfolgen als Kunstturnerin im NSC, bringt Medaillen und Pokale vorbei und ihr erster Weg nach der Einschulung im vergangenen Herbst führte schnurstracks zu Ursula Lietsche – noch im Festtagskleid und mit Schultüte und wenig später waren aus dem gemütlichen Einzelzimmer zwei Stimmen zu hören, die ganz laut „Die Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ sangen.
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