Hebammen in Not

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Hebamme Martina Meyer holt neues Leben auf die Welt - wie die kleine Martha -, aber für ihr eigenes Überleben reicht es kaum. Foto: Jaeger
 
Die kleine Martha hat sich nach dem Wiegen im Arm ihrer Mutter Christine Boers schnell wieder beruhigt. Fotos: Jaeger

Billiglohn und hohe Versicherungsgebühren: Geburtshelferinnen werden rar

Von Renate Jaeger
Norderstedt. Ganz ruhig liegt die kleine Martha auf der Wickelkommode. Vorsichtig hebt Martina Meyer das zwei Monate alte Baby hoch und legt es in den Wiegesack. „Alles im normalen Bereich“, sagt die Hebamme und lächelt der Mutter zu. Christine Boers hat ihr Kind zu Hause zur Welt gebracht. „Ich hatte das schon lange geplant. Mein Kind sollte in die ruhige, warme und entspannte häusliche Atmosphäre hinein geboren werden“, begründet die Grafikdesignerin die Hausgeburt. Seit 32 Jahren ist Martina Meyer (52) Geburtshelferin. Ein Traumberuf, sagt sie. 13 Jahre hat sie in verschiedenen Kliniken gearbeitet, seit 19 Jahren ist sie als selbstständige Hausgeburtshelferin tätig. Sie gehört zum Team von sieben Hebammen, die sich in der Norderstedter Hebammenpraxis zusammengeschlossen haben. Drei von ihnen arbeiten als Schwangerschaftsbegleiterinnen. Hebamme wollte Martina immer werden, das war und ist auch heute der richtige Job für sie. Jetzt aber fühlt sie sich genau wie alle 750 freiberuflichen Kolleginnen in Schleswig-Holstein in ihrer Existenz bedroht. Und das liegt an den steigenden Versicherungsgebühren. „Schon jetzt geben viele Hebammen ihre Arbeit auf, weil sie sich diese nicht mehr leisten können“, sagt Martina Meyer.
Die Berufshaftpflicht ist mit Wirkung vom 1. Juli erneut um 15 Prozent gestiegen, auf nunmehr 4200 Euro pro Jahr. Als sie anfing, zahlte sie 400 D-Mark jährlich. Dazu kommen noch diverse weitere Ausgaben, die nicht durch die Gebührenordnung ausgeglichen werden, außerdem ständig steigende Benzinkosten. „Ich fahre pro Jahr 27000 Kilometer, alle vier Jahre muss ich das Auto wechseln“, so die Geburtshelferin.
„Ich habe schon mehrfach daran gedacht, meinen Beruf an den Nagel zu hängen“, bekennt Martina Meyer, auf die im Juli noch drei Hausgeburten warten. Ihre Wege werden immer weiter, bis nach Neumünster muss die Hebamme mittlerweile fahren - wenn es sein muss, auch mitten in der Nacht.
Immer häufiger entscheiden sich schwangere Frauen für Hausgeburten, weil sie in gewohnter Umgebung Ruhe und Vertrautheit haben. In Städten wie Elmshorn und Uetersen gibt es kaum noch Hebammen, die kommen dann schon aus Hamburg.

Protest der Hebammen

Margret Salzmann, Vorsitzende des Deutschen Hebammenverbandes Schleswig Holstein, befürchtet, dass bald die Versorgung der schwangeren Frauen nicht mehr gesichert sein wird. „Frauen suchen dringend eine Hebamme und finden keine – es wird katastrophal werden im Norden.“ Eine Einigung mit den Krankenkassen müsse her, um die gestiegenen Kosten für die Haftpflicht aufzufangen. Die Honorarsätze für Geburt, Kurse und Wochenbett müssten bis zu 30 Prozent erhöht werden. Viele Hebammen haben in Kiel und im Mai in Berlin demonstriert – geholfen hatte das bisher nicht viel. Immerhin einen Teilerfolg konnten die Hebammen in dieser Woche für sich verbuchen: Sie hätten sich auf einen Ausgleich geeinigt, teilte der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung GKV am Dienstag in Berlin mit. Die Einigung gilt rückwirkend zum 1. Juli 2012. Zu diesem Datum waren die Beiträge zur Berufshaftpflicht erneut gestiegen - um 15 Prozent auf 4200 Euro pro Jahr. Allein für diese Versicherung müssen freiberufliche Hebammen somit etwa einen Monat lang arbeiten. Eine Hebamme bekomme für jede von ihr betreute Geburt im Geburtshaus 25,60 Euro und bei einer Hausgeburt 78 Euro zusätzlich. Keine Einigung gab es bei der Erhöhung der Honorare. Ein Angebot des GKV-Spitzenverbandes von mehr als zehn Prozent hätten die Hebammenvertreterinnen abgelehnt. Der Deutsche Hebammenverband fordert eine Anhebung des Stundenlohnes von derzeit knapp 7,50 auf 10 Euro. Sie wollen jetzt die Schiedsstelle anrufen. (rj/ba)

INFO: Gesetzlich Krankenversicherte haben bei einer Schwangerschaft Anspruch auf die Hilfe einer angestellten oder freiberuflichen Hebamme. In Deutschland arbeiten circa 18.000 Hebammen. Nur ein Teil von ihnen ist fest angestellt, 60 Prozent arbeiten freiberuflich.
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