Wahlkampf ohne Krawatte

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Wahlkampf-Auftakt der SPD mit Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier in Norderstedt Foto: Fuchs

150 wollten Steinmeier sehen

Von Burkhard Fuchs
Norderstedt. Wahlkampf bei 30 Grad im Schatten. Locker und gelöst präsentierte sich SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier in Norderstedt beim Wahlkampf-Auftakt wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Er wisse ja, dass es bei diesem Wetter Besseres zu tun gebe als Parteitagsreden zu hören, wie zum Beispiel am Strand zu liegen, sagte Steinmeier, der angesichts der Temperaturen Sakko und Krawatte abgelegt hatte. „Aber 40 Prozent der Bevölkerung ist noch gar nicht klar, dass am
22. September Bundestagswahl ist“, sagte Steinmeier. „Dabei ist diese Wahl so wichtig. Merkel und ihr Schlafwagen-Kabinett darf unser Land nicht länger regieren.“
An der Stadtgrenze
Da hatte der erste Mann der SPD im Berliner Bundestag zum ersten Mal den Beifall der immerhin 150 Zuhörer auf seiner Seite, die sich diese Veranstaltung an der Stadtgrenze zu Hamburg nicht entgehen lassen wollten. Dorthin hatten der Kreis Segeberger Bundestagsabgeordnete Franz Thönnes und der Bundestagskandidat für Hamburg-Nord, Christian Carstensen, die Wahlkampf-Veranstaltung gelegt, weil der Norderstedter Schmuggelstieg am Ochsenzoll sowohl von Norderstedtern wie Hamburgern zum Einkaufen genutzt wird.
Für 850 Euro Mindestrente
Bevor Steinmeier an die Wähler appellieren konnte, befragte die frühere Bundestagsabgeordnete Cornelie Sonntag-Wolgast, eine ehemalige NDR-Journalistin, die beiden Kandidaten Thönnes und Carstensen nach ihren Schwerpunkten. Da wirkte der jüngere Carstensen, der von 2005 bis 2009 schon einmal im Bundestag war, nicht ganz so souverän wie sein Kollege. Kein Wunder, gehört Thönnes doch dem Parlament seit 1994 an. Im Kreis Segeberg müssten 25.000 Menschen für einen Hungerlohn unter 8,50 Euro die Stunde arbeiten, prangerte Thönnes an. Das werde sich nach einem Wahlsieg mit der SPD ändern. „Arbeit muss wieder anständig belohnt werden“, forderte Thönnes. Zudem wolle sich die SPD für mehr Teilhabe von Behinderten in der Gesellschaft, eine ausgewogene Familienpolitik, in der Frauen das Gleiche wie Männer verdienen sollen, und eine Mindestrente von 850 Euro im Monat einsetzen, kündigte Thönnes an. Umrahmt von Jazz-Musik des Trios Beat Shock klang dieser SPD-Wahlkampf-Auftakt aus. Nicht ohne dass Fraktionschef Steinmeier sich noch mal die Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel verbal vorknöpfte. Diese habe sich „in das gemachte Bett gelegt“, das ihr wirtschaftspolitisch Kanzler Gerhard Schröder durch seine Agenda-2010-Politik bereitete, sagte dessen ehemaliger Kanzleramtschef.
„Viele Gipfel, wenig Mut“
Seitdem passiere wenig bis gar nichts. Statt Mut zu zeigen und den Bürgern zu sagen, wo es langgeht, rufe sie einen Gipfel nach dem anderen aus. 45 Gipfel zu Themen von Krippenausbau bis zur Elektroauto-Mobilität habe es seit 2009 unter Kanzlerin Merkel gegeben, monierte Steinmeier. „Wir besteigen einen ganzen Himalaya an Gipfeln, aber ankommen tun wir nie.“
Dass die Wahl schon gelaufen sei, glaubten nur jene, die den Umfragen vertrauten, sagte Steinmeier. „Es ist in diesem Sommer viel gegen die SPD gewettet und spekuliert worden. Aber am Ende ist schon so manche Spekulationsblase geplatzt.“
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