Zirkus macht weiter - ohne Elefant

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Zirkuschef Karl Köllner ist noch immer geschockt. Er hält die Aktion der Polizei für überzogen

Bei Razzia waren auch Tiger, Löwen und ein Hund beschlagnahmt worden

Von Klaus Schlichtmann
Norderstedt. Die Wogen schlagen noch immer hoch in Norderstedt - Wut, Empörung, Unverständnis auf der einen Seite, rechtsstaatliche Genugtuung und die Notwendigkeit zu handeln auf der anderen.
Es ging um das Wohl eines Elefanten, als vor einer Woche gut eine Stunde nach Sonnenaufgang eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei Eutin das Gelände des Familienzirkus „Las Vagas“ an der Ulzburger Straße hermetisch abriegelt und „schweres Geschütz“ auffährt. Die 30 Angehörigen des Familienunternehmens aus Fulda sind gerade aufgestanden, als sie von den Beamten aufgefordert werden, in ihren Wohnwagen zu bleiben und diese keinesfalls zu verlassen. Zum Gang auf die Toilette werden sie in den darauf folgenden Stunden eskortiert, zwei schulpflichte Kinder dürfen nicht zur Schule gehen. Eine Staatsanwältin aus Kiel präsentiert den Sicherstellungs-Beschluss. Mitarbeiter des Veterinäramtes Bad Segeberg sowie des Ordnungsamtes Norderstedt sind ebenfalls zur Stelle.

Tierschutzorganisation gab Hinweis

Ein Großaufgebot, um das Elefantenweibchen „Chitana“ mit Staatsgewalt und zu früher Stunde aus dem Zirkus zu holen. „Chitana“ - so heißt die 28 Jahre alte afrikanische Elefantendame, sei verhaltensauffällig, kleinwüchsig und habe verkrüppelte Hinterbeine. Die Tierschutzorganisation PETA habe einen Hinweis an die Behörden gegeben, er führte schließlich zu einem richterlichen Beschluss des Amtsgerichts Kiel und zum Abtransport von „Chitana“, die offenbar betäubt und anschließend mit einem Kran auf einen Lkw-Container gehievt wird.

Tiger mit offener Wunde

Auch die bengalischen Tiger „Bella“ und „Julia“ sowie die Löwenschwestern „Maggie“ und „Sonja“ werden beschlagnahmt und mitsamt ihrem Käfigwagen an einen unbekannten Ort gebracht, nach Polen, wie es heißt. Begründung: Einer der Tiger habe eine offene Wunde am (amputierten) Rest-Schwanz. Ein junger Rottweiler wird auch noch in Obhut genommen, der Zwinger sei zu klein.
„Das ist staatliche Willkür, völlig überzogen und nicht gerechtfertigt“, regt sich Zirkuschef Karl Köllner (45) mit Tränen in den Augen auf. Köllner führt das Unternehmen mit seiner Familie bereits in der sechsten Generation, der beschlagnahmte Elefant und die Raubtiere waren die Hauptattraktion des „Las Vegas“. Zebras. Dromedare, Pferde und eine Giraffe sind ihm noch geblieben.
War die Aktion eine überzogene, unverhältnismäßige, gar rechtlich unzulässige Maßnahme? „Wir hatten das Heft des Handelns nicht in der Hand“, erklärt Hauke
Borchert, Sprecher der Stadt, „die Entscheidung, so vorzugehen, fiel in der Justiz. Aber es ist schon seltsam, wenn der Nähr- und Pflegezustand der Tiere bei der veterinär-medizinischen Kontrolle zwei Wochen zuvor in Bad Bramstedt mit „in Ordnung“ protokolliert wird.“
Durch das Veterinäramt Neumünster soll es jedoch bereits vor vier Wochen Auflagen für den Zirkus gegeben haben: Der Elefant sollte in einer angemessenen Zeit durch einen Experten begutachtet, ihre Verträglichkeit und ihr Sozialverhalten bewertet werden. Denn „Chitana“, ein Herdentier, war der einzige Elefant im Zirkus - die neuen Zirkusleitlinien sehen dagegen mindestens drei Elefantenkühe vor, bei Bullen sind es noch mehr. „Dieser Gutachter-Termin war für den letzten Sonnabend angesetzt, das wusste auch die Staatsanwältin schon Tage vorher“, erklärt Knuth Frank, Rechtsanwalt der Zirkusfamilie. „Und trotz dieser Kenntnis hat sie diese massive Aktion durchführen lassen.“ Deswegen und wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung will Frank die Staatsanwaltschaft nun anzeigen. Sie habe sich zum Büttel von PETA machen lassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.
Der Zirkus „Las Vegas“ gastiert vom 17. Mai an für zehn Tage in Hummelsbüttel auf dem Festplatz - auch ohne Elefant, Tiger und Löwen
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2 Kommentare
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Laura de Ruiter aus Norderstedt | 17.05.2013 | 15:20  
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Antonietta Tumminello aus Ahrensburg | 11.09.2015 | 16:44  
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