Das Leben eines Obdachlosen

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Hamburg: Hamburg-Nord | „Du Penner, geh arbeiten, du hast 2 gesunde Hände…“

Solchen und ähnlichen Beschimpfungen war Harald, 49, sieben Jahre lang ausgesetzt. Sein Leben verlief sehr gewöhnlich, er hatte Freunde und eine Frau, die ihn zum stolzen Vater zweier Zwillinge machte. Bis auf den regelmäßigen Drogenkonsum verlief sein Leben problemfrei, bis er eines Tages seinen besten Freund mit seiner eigenen Frau im Bett erwischte. Ab diesem Tag sollte sich sein Leben von Grund auf verändern.
Seit diesem Zeitpunkt besaß Harald weder Wohnung noch Geld und lebte als verdeckter Obdachloser im Park, eingeschränkt durch starken Drogen- und Alkoholkonsum. Eines Tages bemühte er sich um eine kleine Einzimmerwohnung und mietete diese für wenig Geld. „ Ich hatte im Park einige Bekannte kennengelernt, welche ich nicht draußen zurücklassen wollte und habe sie bei mir wohnen lassen. Zusätzlich haben diese noch Freunde eingeladen, woraufhin wir mit sechs oder sieben Leuten und zwei Hunden in der Einzimmerwohnung lebten.“ Nachdem er seine Gäste nach mehreren Wochen bat, sich eine eigene Wohnung zu suchen, stieß er auf Widerstand. Auch weitere Wochen darauf zeigten sich seine Gäste uneinsichtig, woraufhin Harald gezwungen war, seine Wohnung zu kündigen und zurück auf die Straße zu finden.
Nun setzte sich sein Leben fort wie bisher, bis er von einem jungen Mann angesprochen wurde. Er erzählte ihm, er arbeite für Hinz und Kunzt und lud ihn ein, ebenfalls Zeitungen zu verkaufen. Zunächst rang der 46-Jährige mit seinem Stolz und lehnte den Job ab. „ Die Hilfe anderer Leute anzunehmen, ist ein ganz schwerer Punkt“, berichtet der ehemalige Familienvater. „Irgendwo hinzugehen und zu sagen, man sei obdach- oder wohnungslos und sich Hilfe zu suchen, ist nicht leicht.“ Schließlich entschied Harald sich doch, sich bei Hinz und Kunzt vorzustellen. Dort wurde ihm gesagt, er dürfe dort arbeiten, nachdem er eine Entgiftungsklinik aufgesucht hätte.
Nachdem er aus der Klinik entlassen wurde, erschien Harald nüchtern auf dem Hinz und Kunzt-Gelände. Seit diesem Tag verkaufte Harald jeden Tag mit 600 weiteren Hinz und Kunzt-Angestellten Zeitungen und verdiente knapp 150 Euro im Monat. Nun konnte er sich endlich eine richtige, eigene Wohnung leisten und alleine für sich sorgen. Er lernte viele verschiedene Menschen kennen, doch richtige Freunde fand er dort nicht. „ Auf der Straße hat man keine Freunde, eher Zweckgemeinschaften“, erzählt er. Trotz der schweren Zeit auf der Straße denkt Harald an zahlreich positive Ereignisse zurück. „Einmal“, erinnert er sich, „fragte mich eine komplett fremde Frau, ob mein Hund kastriert sei. Als ich ihr sagte, dass das nicht der Fall wäre, schenkte sie mir am nächsten Tag 350 Euro für die Kastration, einfach so, einfach weil ich so fleißig gearbeitet habe.“
Nun arbeitet der 46-Jährige seit 14 Jahren bei Hinz und Kunzt und wurde sogar zum Stadtführer in Hamburg befördert. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mehr Sozialwohnungen gebaut werden“, verkündet er. „In Hamburg müssen eigentlich 2000 Sozialwohnungen im Jahr gebaut werden, dieses Jahr waren es nur 556! Auch die Harz-4-Mietobergrenze sollte deutlich gesenkt werden!“, fügt Harald hinzu. „Im Ganzen habe ich alles richtig gemacht. Wäre dies alles nicht passiert, wäre ich wahrscheinlich immer noch drogenabhängig. Außerdem sind Wohnungen auch nicht alles - da fangen die Probleme erst an.“
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1 Kommentar
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Sabine Dsirne aus Langenhorn | 23.06.2015 | 18:31  
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