Gewalt in der Familie- Wenn Zuhause Angst bedeutet

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Ausdruckslos starrt das Mädchen in den Spiegel. Es ist einsam - seine Nerven liegen blank. Apathisch mustert sie ihr Spiegelbild, setzt sich auf das hölzerne Bett und weint. Langsam greift sie nach ihrem Handy. Mich und mein Leben hassen schreibt sie in ihren Status und drückt auf senden.


Die siebzehnjährige Maria wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter in Henstedt-Ulzburg auf. Die damals Neunzehnjährige trennte sich schon vor der Geburt von Marias Erzeuger, sodass der Vater ihr bis heute unbekannt blieb.
Bis zur Grundschulzeit hat Maria keine negativen Erinnerungen an ihre Kindheit, wie alle anderen Kinder ist sie behütet, wenn auch mit strenger Erziehung aufgewachsen.
„Das erste seltsame Erlebnis war kurz nach meiner Einschulung in die erste Klasse“, berichtet die hübsche Elftklässlerin. „Ich sollte als Hausaufgabe die Uhrzeiten erlernen, wobei ich einige Probleme hatte. Nachdem wir über eine Stunde gelernt hatten, fing meine Mutter an, mich durch die Wohnung zu zerren, mich zu treten, zu schlagen, mich an den Haaren zu ziehen und gegen Möbel zu schubsen. Ich habe mich in dem Moment ziemlich schuldig und wertlos gefühlt. Zum ersten Mal hatte ich richtig Angst vor ihr.“

Im Laufe der Jahre lernte Maria, ihre Angst besser in den Griff zu bekommen.
„Ich habe meine negativen Gefühle ständig unterdrückt und so getan, als ginge es mir wie jedem anderen in der Schule“, erzählt sie mit traurigem Blick.
Von diesem Moment an gab es immer öfter Streitigkeiten bezüglich des Haushalts und der Schule. Maria hatte das Gefühl, es ihrer Mutter niemals recht machen zu können, wodurch sich das soziale Verhältnis der beiden stark distanzierte. Die Siebzehnjährige zog sich emotional immer weiter zurück und verschwieg ihrer Mutter sogar ihre vorübergehende Schwangerschaft.
Durch den vielen Streit verlor Maria die Konzentration in der Schule, worunter ihre Noten stark gelitten haben. „Manchmal hat meine Mutter mich morgens im Schrank oder im Badezimmer eingesperrt, sodass ich oft zu spät zur Schule gekommen bin. Ich habe sehr viel geweint - das allerdings nur, wenn ich alleine war.“

Doch plötzlich folgte ein Tag, der die Schülerin aus ihrer tragischen Routine riss. Zwei uniformierte Polizisten standen auf einmal vor ihrer Haustür und fragten sie nach ihrem Befinden. Als Maria den Beamten versicherte, dass es ihr gut ginge, wollten sie auch die Mutter der Jugendlichen sprechen. „Ein Glück, dass sie nicht da war!“, erzählt Maria. „Ich will gar nicht wissen, was sonst passiert wäre.“ Als sie am nächsten Tag die Schule betrat, erschien ihr alles sehr merkwürdig. Lehrer begleiteten sie ungefragt zu Klassenräumen, in die Mensa und sogar bis auf die Toilette. Als sie sich nach dem Grund erkundigte, wurde ihr mitgeteilt, sie dürfe die Schule nicht verlassen und wurde mit einer Lehrkraft in einen Raum zum Warten gesetzt. Daraufhin folgten einige Gespräche mit dem Schulleiter, der Maria nach einigen Stunden an ein Betreutes Wohnheim vermittelte.
„Dieser Tag war für mich eine große Erleichterung, jedoch auch sehr anstrengend, da ich mit einer Vielzahl an fremden Menschen wie der Kriminalpolizei, der Gerichtsmedizin, Lehrern und Psychologen über meine Probleme reden musste. Ich hatte Angst die falsche Entscheidung zu treffen.“

Seitdem Maria in dem betreuten Wohnheim untergekommen ist, bekommt sie viel Fürsorge und Aufmerksamkeit ihrer Betreuerinnen. Allerdings ist dies auch keine Dauerlösung. „Hauptsächlich stört mich die Einsamkeit, die ich hier habe und das Gefühl, irgendwo eingesperrt zu sein, wo man nicht hingehört. Sogar Dreizehnjährige rauchen und trinken hier und haben draußen Sex in den Gebüschen.

Ich wünschte mir, dass ich in der Vergangenheit nicht auf so eine brutale und strenge Weise erzogen worden wäre. Für die Zukunft wäre es schön, wenn ich ein ruhiges Leben hätte, eine eigene Familie, gesund bleibe und dass ich ein besseres Verhältnis zu meiner Mutter aufbaue und dass ich meine Probleme wie Alkohol und Fingernägelkauen in den Griff kriege. Außerdem würde ich gerne in einer eigenen Wohnung leben. Dort hätte ich Abstand von meiner Mutter und könnte die Leute treffen, die mir wichtig sind und sie regelmäßiger sehen - meine Mutter ist mir auch wichtig, nur um das mal klar zu stellen, aber momentan ist Abstand halt besser. Momentan geben meine Freunde mir die Kraft, die ich brauche und sind die, die mich so erhalten, wie ich bin.“
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