Anklage wegen Sterbehilfe

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Gericht wirft Dr. Johann Spittler „Versuchte Tötung auf Verlangen durch Unterlassung“ vor Symbolfoto: thinkstock
Hamburg: Hummelsbüttler Kirchenweg |

Der Suizid zweier alter Damen und das Nachspiel vor Gericht

Von Martin Jenssen
Hummelsbüttel
Mit seinen verschiedenen Vereinen für „Sterbehilfe“ geriet der ehemalige Hamburger Justizsenator Dr. Roger Kusch immer wieder in die Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft versuchte im Jahre 2014, ihn wegen Totschlags anzuklagen. Das scheiterte, weil ein Hamburger Schwurgericht die Anklage nicht zuließ. Die Kammer sah bei Dr. Kusch keinen hinreichenden Tatverdacht. Dafür muss sich jetzt aber Dr. Johann Spittler (75), ein früherer Mitarbeiter von Roger Kusch, vor einer allgemeinen Strafkammer des Landgerichts verantworten.

Versuchte Tötung auf Verlangen durch Unterlassung

Er war als psychiatrischer Sacharbeiter für die „SterbeHilfe Deutschland e.V.“ tätig. Bei Dr. Spittler sieht das Gericht als mögliche Straftat: „Versuchte Tötung auf Verlangen durch Unterlassung“. Außerdem könnte es zu einer Verurteilung kommen, weil er die Medikamente für die Selbsttötung für zwei alte Damen besorgte, die sich am 10. November 2012 in Hummelsbüttel das Leben nahmen. Die Staatsanwaltschaft möchte dagegen eine Verurteilung wegen „Totschlag“ erreichen. Als Zeugin berichtete die Polizistin Claudia S. (58) dem Gericht: „Die beiden Damen lagen tot in zwei Ohrensesseln in ihrer Wohnung im Hummelsbüttler Kirchenweg. Zwischen ihnen stand ein runder Wohnzimmertisch, geschmückt mit Blumen. Zwei ausgetrunkene Gläser, in denen sich ein Giftpräparat befunden hatte, standen vor ihnen. Die ganze Szene sah aus, wie eine gemütliche Teestunde am Nachmittag. Die Damen hatten sich zu diesem Anlass noch einmal richtig hübsch gemacht. Sie waren geschminkt und hatten schöne Kleider an.“

Angst vor dem Alleinsein

Bei den Toten handelte es sich um Elisabeth W. (85) und Ingeborg M. ( 81). Die beiden Damen, die seit 1994 in Hummelsbüttel zusammen lebten, müssen große Angst vor dem Alleinsein gehabt haben. Keine von ihnen wollte ohne die andere weiterleben. Deswegen wandten sie sich im Juni 2012 mit dem Sterbewunsch an Dr. Kusch. Am Morgen des 10. November hatte Elisabeth W. noch gegen 10 Uhr ihren Bruder Siegfried W. (81) im sächsischen Leipzig angerufen. Dabei machte sie keine Andeutung über den bevorstehenden Suizid. Dr. Spittler überwacht am Nachmittag gegen 14 Uhr die Einnahme der Medikamente. Eine halbe Stunde später wählte er den Notruf der Feuerwehr und erklärte: „Hier ist Dr. Spittler. Ich melde zwei Suizidfälle. Ich warte hier.“ Der Bruder von Ingeborg W.: „Finanzielle Probleme hatten die Frauen nicht. Sie hatten ihr Geld gut angelegt und besaßen auch eine Zweitwohnung auf Teneriffa.“ Der Prozess wird fortgesetzt.
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6 Kommentare
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Rainer Stelling aus St. Georg | 07.09.2017 | 06:14  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 07.09.2017 | 09:02  
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Rainer Stelling aus St. Georg | 07.09.2017 | 10:20  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 09.09.2017 | 13:42  
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Rainer Stelling aus St. Georg | 10.09.2017 | 19:07  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 11.09.2017 | 09:30  
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