Hunderte Klein Borstler gehen für Flüchtlingsheim auf die Straße

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"Klein Borstel ist bunt und tolerant" -- zirka 700 Menschen gehen für eine Flüchtlingsunterkunft auf die Straße Fotos: Barth
 
(v. l.) Hannah, Jonathan und Stella leben selbst in Nähe der geplanten Unterkunft. Sie möchten Flüchtlinge als Nachbarn und riefen zur Demo gegen den Baustopp auf

Demonstration gegen Baustopp der Unterkunft Am Anzuchtgarten. Freiwillige von "Klein Borstel hilft" richteten altes Pastorat von Maria Magdalenen zur Notunterkunft her

Ohlsdorf. So viele Unterstützer hatten selbst Hannah (17), Jonathan (18) und Stella (17) nicht erwartet. Laut Polizeiangaben kamen am Sonnabendmittag (7. November) zirka 800 Menschen zum Kornweg vorm S-Bahnhof Klein Borstel.

Die drei Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums sind die Organisatoren dieser Demonstration gegen den durch eine Klage von Nachbarn gerichtlich durchgesetzten Baustopp der Flüchtlingsunterkunft Am Anzuchtgarten. „Auch wir sind Klein Borstel“, betonte die siebzehnjährige Hannah in ihrer Ansprache vor der Menschenmenge und jeder Menge Pressevertreter. Klein Borstel sei bunt, weltoffen und tolerant: „Wir fordern eine sofortige Aussetzung des Baustopps!“ Der Beifall war ihr sicher.
Es waren nicht nur Jugendliche erschienen, sondern ein bunter Generationenmix - vom Kleinkind bis zum Senior mit Rollator. Die Klein Borsteler zeigten Gesicht für eine humane Willkommenskultur und zogen gemeinsam bis zum Gelände Am Anzuchtgarten. Auf Plakaten forderten sie nicht nur den Weiterbau der Flüchtlingsunterkunft, sondern auch Mitgefühl und Menschlichkeit sowie die Bekämpfung der Fluchtursachen, nicht der Geflüchteten.

Konkrete Hilfe von „Klein Borstel hilft“


Seit Donnertag, 5. November, sind schon ehrenamtliche Helfer - organisiert von der Initiative „Klein Borstel hilft“ - im unermüdlichen Einsatz: Die Situation der vielen Flüchtenden am Hamburger Hauptbahnhof hatte sich so zugespitzt, dass schnell und sehr kurzfristig Geflüchtete im Pastorat der Kirche Maria Magdalenen an der Stübeheide untergebracht werden mussten. Mittlerweile sind es schon mehr als 40 Flüchtlinge, die dort jede Nacht Unterschlupf finden – und das wird auch in den nächsten Tagen so bleiben.
Rund 125 Freiwillige hätten sich innerhalb von zwei Tagen gemeldet, berichtet Ilka Mamero von "Klein Borstel hilft". ". Zum Beispiel die Ohlsdorferin Anja H. . Die 56-Jährige hatte am Donnerstagnachmittag die Hilferuf-Rundmail von „Klein Borstel hilft“ gelesen und sofort reagiert. „Ich habe ein paar Decken aus dem Keller geholt und bin zur Stübeheide gefahren.“ Das alte Pfarrhaus hatte ein halbes Jahr leer gestanden. „Es gab kein Licht, die Heizung ging nicht, Verteilersteckdosen waren nicht vorhanden“, zählt die Ohlsdorferin auf. Aber innerhalb kürzester Zeit kamen – dank Handyrundrufen - immer mehr Helfer und Spender. „Es war wie in einem Ameisenhaufen.“ In nur zweieinhalb Stunden wurde geputzt, gewerkelt, die Schlaflager hergerichtet – Globetrotter spendete nach einem Anruf 25 Isomatten – und draußen stand zum Empfang der Flüchtenden ein Zelt mit Tischen und Bänken. Es sei beeindruckend gewesen, wie schnell und wie viel von den Ehrenamtlichen innerhalb kürzester Zeit geleistet wurde, sagt Anja H. Und trotzdem beurteilt sie das Ganze auch kritisch: Sie sehe sich persönlich in der humanitären Pflicht, den hier Ankommenden zu helfen, aber: „Die Politik muss endlich reagieren. Es kann einfach nicht sein, dass so vieles auf die freiwilligen Helfer abgewälzt wird!“ Ähnlich sieht das Pirrko Behr, die Mitgründerin der Flüchtlingsinitiative „Welcome to Barmbek“ und „Klein Borstel hilft“ ist. Die Mutter einer kleinen Tochter steht zum Beispiel einmal wöchentlich in der Teeküche in der Unterkunft am Tessenowweg und ist jetzt auch im Pastorat an der Stübeheide mit dabei. Sie appelliert an den Bezirk, der zwar Gelder für Sachmittel stellen würde: „Wir brauchen kein Geld dafür, sondern für Strukturen. Wenn man davon zum Beispiel feste Honorarkräfte bezahlen könnte, wäre es viel sinnvoller eingesetzt.“
Sechs niedergelassene Ärtzte aus der Umgebung haben sich bereit erklärt abwechselnd die abends ankommenden Flüchtlinge - der Kirchenkreis organisiert den Transfer vom Hauptbahnhof nach Ohlsdorf - bei Bedarf zu behandeln. Da in dem alten Pastoratshaus nur zwei Duschen vorhanden sind, gibt es auch sogenannte "Duschpaten". Das sind Anwohner, in deren Häusern die Zufluchtsuchenden sich zum Teil erstmals nach drei, vier Wochen wieder richtig waschen können.
„Klein Borstel hilft“ hat mittlerweile einen Schichtplan erstellt, in den sich Helfer eintragen können: Vom Betten machen, Putzen, Wäsche waschen bis zum Küchendienst und Nachtdienst ist allerlei zu erledigen. Gebraucht werden hauptsächlich Lebensmittel-Spenden. Wer sich informieren oder helfen will, findet hier weitere Infos. (ba)
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