Sind Politiker süchtig?

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Sind Politiker süchtig?

entnommen dem Essay von Jürgen Leinemann, der seit über 40 Jahren Politik und Politiker aus nächster Nähe beobachtet hat.

„Sehstörung“ oder die Droge Politik

„Politiker neigen dazu, so Rau, sich so sehr an ihrer eigenen Bedeutung zu berauschen, in dem Gefühl zu schwelgen, die Welt verändern zu können, dass sie bald nicht mehr wahrnehmen, dass Politik nicht das ganze Leben ist. Normale Bürger lesen Bücher, treiben Sport, kümmern sich um ihre Familien, haben Hobbys – der Politiker hat von morgens bis abends nur die Politik, um die sich alles dreht: sein Denken. Sein Tagesablauf, seine Phantasien, alles.“ „Wenn der Politiker das zu übersehen beginnt, so Rau, „dann politisiert er die Welt. Und weil die Realität anders ist, verschätzt er sich in der Welt.“

„Es geht also um Realitätsverlust. Es geht darum, dass gerade jene Menschen Gefahr laufen, von Berufswegen ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit zu entwickeln, denen wir durch Wahl den Auftrag erteilt haben, unser eigenes Leben, unsere persönliche Alltagsrealität zu ordnen, zu schützen – notfalls zu verändern, am besten zum Besseren.“

„Sucht. Droge. Entzug. Die meisten Poltiker benutzen die Begriffe aus der Junkieszene mit bemerkenswerter Beiläufigkeit, um ihre Befindlichkeit zu beschreiben. „Ausserdem bin ich süchtig nach Selbstbestätigung“, bekennt beispielsweise die einst stellvertretende SPD-Vorsitzende Renate Schmidt.“

„In Stunden der Erschöpfung und Resignation reden Politiker wirklich ungeschminkt über ihre Lebensangst und ihren Berufsfrust, über Verzweiflung, Einsamkeit, Wut und Erfolgsgier – natürlich unter dem Siegel höchster Verschwiegenheit.“

„Der Wunsch nach Selbstbestätigung ist eng verflochten mit dem nach Privilegien.“ (eigener Chauffeur usw.)

„Um sich gegen Verletzungen zu wappnen, lernen Spitzenpolitiker, sich emotional zu reduzieren. Vielleicht ist das die Voraussetzung ins politische „Hochgebirge“ aufzusteigen. Sie spalten ganze Bereiche ihrer Persönlichkeit ab, verweigern das Nachdenken über Fehler und Niederlagen, wehren Selbstzweifel ab, suchen Schuldige anderswo und klammern sich so an eine durchsetzungsfähige Siegerversion von sich selbst. Diese emotionale Verarmung nehmen die meisten gar nicht wahr. „

„Sie wissen nicht viel über sich und damit auch nicht über andere. Das macht sie handlungsfähig.“
„Mangel an Menschenkenntnis ist eine der wichtigsten Führungsvoraussetzungen in der Politik“, hat Holger Börner, lebenslanger Berufspolitiker und Ex-Ministerpräsident von Hessen, einmal gesagt. Er meinte das keineswegs als Witz.“

„Selbstzweifel, schon auf früher Karrierestufe hinderlich, bedeuten auf oberster Ebene einen Anschlag auf die eigne politische Existenz.“ „Wenn man am Morgen aufwachen und über seine eigenen charakterlichen Defizite nachdenken würde, käme man nicht mehr zur Arbeit“, hat Gerhard Schröder bekannt, als er noch öffentlich über sich reflektierte.“

„Politik ist eine Sucht“ hat Seehofer gesagt.

„Die Einschätzung, dass der Deutsche Bundestag bisweilen einer „Alkoholikerversammlung“ gleiche, stammt vom Abgeordneten Joschka Fischer.“

„Wahrgenommen, bemerkt und anerkannt zu werden ist das Hauptziel jedes Süchtigen. Es ist auch das Bestreben jedes Politikers in der Medienwelt.“

Gefunden und entnommen der Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“
Aus Politik und Zeitgeschichte
12 Januar 2004
B 1 – 2 / 2004
Jürgen Leinemann Essay
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2 Kommentare
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Elke Noack aus Rahlstedt | 24.11.2013 | 13:36  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 28.11.2013 | 08:14  
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