Stolpersteine Hamburg: 444 Seiten Erinnerung

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Frauke Steinhäuser hat den neuesten Band der biographischen Spurensuche zu den Stolpersteinen verfasst: „Grindel II“ Foto: Hanke
 
An den ehemaligen Lehrer der Talmud-Tora-Schule, Emil Eleasar Nachum und seine Familie, die in Minsk ermordet wurden, erinnern diese Stolpersteine vor deren früheren Wohnhaus, Grindelhof 29 Foto: Hanke
Hamburg: Grindelhof 29 |

Neue Biographien über die Mordopfer der Nazis im Grindelviertel

Von Christian Hanke
Rotherbaum
In keinem Stadtteil finden sich so viele Stolpersteine, die kleinen quadratischen Steine vor den Häusern, in denen Nazi-Opfer wohnten, wie in Rotherbaum. Fast 1.000 Stolpersteine hat Künstler Gunter Demnig hier schon verlegt, vor allem im Grindelviertel, in dem bis zum Beginn der Deportationen in die NS-Vernichtungslager die meisten Hamburgerinnen und Hamburger jüdischer Herkunft lebten. Daher ist es schon eine Herkulesaufgabe, die Biografien der Menschen zu recherchieren, für die am Grindel Stolpersteine verlegt wurden. Für nahezu alle anderen Hamburger Stadtteile liegen mittlerweile Bücher vor, in denen über die ermordeten Naziopfer, deren Namen und Lebensdaten auf den Stolpersteinen festgehalten sind, informiert wird. Im vergangenen Jahr erschien der fast 500 Seiten starke Band „Grindel I“, der aber nur über die Menschen hinter den Stolpersteinen aus zwei Straßen informierte: aus der Brahmsallee und der Hallerstraße.

259 Biografien in „Grindel II“

Nun ist auch „Grindel II“ erschienen, 444 Seiten stark, mit Biografien über die Opfer aus dem Zentrum des Viertels, aus allen Straßen, die dessen Namen tragen: Grindelallee, Grindelberg, Grindelhof und Grindelweg. 259 Biografien umfasst dieser Band, unter anderen die Lebensläufe von Schülern und Lehrern der Talmud-Tora-Schule, darunter vom letzten Oberrabbiner Hamburgs, Joseph Zwi Carlebach, und von Lehrer Alberto Jonas, nach dessen Ehefrau, Ärztin am UKE, der Marie-Jonas-Platz in Eppendorf benannt wurde. Beide Stolpersteine liegen vor der Talmud-Tora-Schule, Grindelhof 30. Gegenüber, vor Haus Nr. 29, finden sich die Steine für einen weiteren Lehrer der höheren jüdischen Schule und seine Familie: Emil Eleasar Nachum, seine Frau Sophie Else und seine Kinder Rosa Ruth und Günther lebten hier. Am 8. November 1941 wurden sie nach Mínsk deportiert und dort ermordet. Auch an den Journalisten und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky wird in diesem Band erinnert. Er wohnte um 1919 in der Grindelallee Nr. 1. Von Ossietzky starb 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft. Der Band Grindel II, der auch Kapitel über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung und ihrer Einrichtungen am Grindel und über die NSDAP in Harvestehude und Rotherbaum beinhaltet, wurde von Mitgliedern des Vereins für Hamburgische Geschichte und von Schülern geschrieben. Die Leitung hatte Frauke Steinhäuser, Lehrbeauftragte für Didaktik der Geschichte an der Universität, und seit 2006 im Stolperstein-Recherche-Team. „Ich bin wirklich über die Stolpersteine gestolpert und fand das Projekt sofort großartig“, erzählt Frauke Steinhäuser.

Noch mehr Namen finden

Die Recherchen sind mühsam und aufwendig, begannen mit dem im Staatsarchiv liegenden Gedenkbuch für die Hamburger Juden. „Wir haben zunächst versucht, Angehörige der Opfer zu finden“, erzählt Steinhäuser. Die konnten oft über andere NS-Opfer berichten. Oft erfuhren sie aber durch die Recherchen der Stolperstein-Gruppe auch Neues über ihre ermordeten Angehörigen. Deportationslisten, Adressbücher und die Kultussteuerkartei der Jüdischen Gemeinde halfen ebenso weiter wie Archive aus Belgien und den Niederlanden über dortige Lager und Deportationen. Auch wenn viele Schicksale der Ermordeten recherchiert werden konnten, ist sich Frauke Steinhäuser sicher: „Man kann noch sehr viel mehr finden.“ Insbesondere über die frühere jüdische Bevölkerung im Grindelviertel. Dabei ist es der Autorin wichtig zu betonen, dass nicht nur Juden im Dritten Reich verfolgt wurden. „Es gab andere Opfergruppen wie Homosexuelle, politisch Verfolgte oder Asoziale“, erzählt Steinhäuser. Auch für diese NS-Opfer wurden bereits Stolpersteine verlegt.

Das Buch „Stolpersteine in Hamburg: Grindel II“ ist in der Landeszentrale für politische Bildung, Dammtorstraße 14, oder im Infoladen, Dammtorwall 1, für 3 Euro erhältlich.

Weitere Infos: Stolpersteine Hamburg
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