Die Macht der Worte

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Das Deserteursdenkmal am Dammtorbahnhof Foto: Hanke

Schrift und Klang prägen neues Deserteursdenkmal am Dammtor

City Nun haben auch diejenigen Soldaten des Zweiten Weltkriegs ein Denkmal, die noch lange nach dem Krieg wie Verbrecher angesehen wurden: die „Fahnenflüchtigen“, die sich weigerten Hitlers Krieg mitzumachen. Zwischen dem martialischen Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Hamburger Regiments 76 von 1934 und dem unvollendeten, zweiteiligen Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka aus dem Jahre 1985 wurde am Dienstag das Deserteursdenkmal eingeweiht. Sogar Bürgermeister Olaf Scholz hatte sein Kommen zugesagt.
Es ist ein im Vergleich mit den flankierenden Denkmälern sehr bescheidenes und doch wirkungsvolles Mahnmal. Geschaffen hat es der Hamburger Künstler Volker Lang. Seine Installation besteht aus drei Wänden, die ein Dreieck bilden. Zwei der Seiten sind Gitter aus Bronze-Lettern - eine Collage des Textes „Deutschland 1944“ von Helmut Heißenbüttel. Darin hat der Autor typische Äußerungen aus dem Deutschland des Jahres 1944 fragmentarisch aneinandergereiht. Der Text ist am Denkmal auch als Audio-Schleife zu hören. Die dritte, zum Dammtordamm stehende Wand ist aus Beton. Auf ihr sind Informationen zum Gedenkort angebracht.

Begehbare Installation


Volker Lang, der Objektkunst im öffentlichen Raum entwirft, hatte wie berichtet den Wettbewerb für das Deserteursdenkmal gewonnen. Seine Idee, mit Sprache zu arbeiten, entsprang der Lage des Denkmals zwischen den beiden anderen.
„Diese beiden Denkmäler schaut man sich von außen an. Ich wollte ein Darinnen schaffen, einen Raum, den man betreten kann“, erläutert Lang die Grundidee seiner Kreation. „Die anderen Denkmäler sollen beeindrucken, Angst machen. Ich dagegen identifiziere mich mit den Deserteuren, an die dieses Denkmal erinnert. Ich bin selbst einer“, erzählt der Künstler.
In seinem Mahnmal sei man schutzlos wie ein Deserteur, denn es ist kein geschlossenes Gebäude. Gleichzeitig stehe der Raum für Vereinzelung und damit für Stärke, denn wer damals desertierte, machte sich einsam, zeigte aber damit Stärke, für seine Überzeugung einzustehen, sagt Lang. Mit Heißenbüttel hatte sich Volker Lang schon oft beschäftigt. Der niedersächsische Schriftsteller († 1996)war selbst zum Kriegsdienst gezwungen worden und verlor in Russland den linken Arm. Das Mitglied der „Gruppe 47“ plädierte für eine Literatur des Zitats. Volker Lang: „Ich habe Fragmente seines Textes ‚Deutschland 1944‘ aneinandergereiht, um eine bestimmte Choreographie zu erzeugen, eine groteske entlarvende Wirkung“, so der Künstler. (ch)
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Elke Noack aus Rahlstedt | 26.11.2015 | 11:58  
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