Die Subkultur ist reif fürs Museum

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Martin Kippenberger malte 1983 das Bild „Bitte nicht nach Hause schicken“ Foto: Hörmann
 
Das „Borngräber-Zimmer“ zeigt Neues Deutsches Design aus den 80er Jahren mit einem radikalen Angriff auf die Maxime, ein Möbelstück müsse zuerst funktional sein Foto: Hörmann

Protestkunst der 80er Jahre: Betonlampe, „Einstürzende Neubauten“ und ein Sessel aus Einkaufswagen

St. Georg Reise in die Vergangenheit – Florian Borkenhagen war damals mittendrin in den wilden 80er Jahren, die Musikszene, Bands wie die „Einstürzenden Neubauten“, das verrückte Design bei Möbeln und Gebrauchsgegenständen, auch Mode, alles im Zweifel immer „anti“. „Das hat natürlich auch einfach Spaß gemacht“, sagt Borkenhagen, heute längst etabliert und Professor an der Akademie für Mode & Design in Hamburg. „Wir fanden das einfach cool, in Berlin mit den Bands, die angesagt waren, ganz locker ein Bier zu trinken.“ Die Szene war in Aufbruchstimmung, alles wollten die Akteure anders machen. „Beim Design kümmerten wir uns nicht mehr um die Funktion“, sagt Florian Borkenhagen, damals baute er seine Betonlampe, die jetzt im Museum für Kunst und Gewerbe trotzig vor sich hin strahlt wie eine vergessene Baustellen-Beleuchtung, das fiese Neonlicht ist eine klare Absage an spießige Gemütlichkeit. „Die Illusion war, dass man damit auch Politik machen kann“, sagt Borkenhagen.
Kann man vielleicht nicht – und doch: Die Szene hat in ihrer Zeit breiten Einfluss gehabt, die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe zeigt, wie umfangreich die Protestkultur der 80er in Musik, Kunst, Film, Mode und Design Verbreitung gefunden hat. Im Zentrum der Ausstellung stehen acht progressive Bands. Sie zeigen beispielhaft die unterschiedlichen Strömungen in der Musikszene der 80er Jahre mit ihrem Anspruch der Auflösung bestehender Konventionen. So erforschten die „Einstürzenden Neubauten“ mit ihren Schrott-Instrumenten die Grenzen zwischen Musik und Lärm. In der Malerei zeigt sich die Subkultur als „Heftige Malerei“, die Künstler wehren sich mit emotionalen, spontan-gestischen großformatigen Gemälden gegen den konventionellen Kunstbetrieb. In der Schau am Steintorplatz sind Arbeiten von Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Werner Büttner und Ina Barfuß zu sehen. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist das 28 Meter messende Kolossalgemälde „Eine Zehntelsekunde vor der Warschauer Brücke“ von Bernd Zimmer. Radikal der Umbruch auch auf dem Gebiet des Designs. Highlight auf diesem Gebiet ist das komplett ausgestellte „Borngräber-Zimmer“. Der bereits verstorbene Berliner Designtheoretiker Christian Borngräber (1945 – 1992) gilt als einer der wichtigsten Vorkämpfer einer kompromisslosen Formensprache, die den Nutzwert einer Sache in den Hintergrund drängt. Die „Idealrekonstruktion“ von Borngräbers Berliner Wohnzimmer in der Schau versammelt verschiedene Stücke des Neuen Deutschen Designs. Heute noch ein Klassiker und Kunstobjekt: „Consumer´s Rest“, der Einkaufswagen-Sessel des Designers Stiletto alias Frank Schreiner. Nicht gerade bequem und auch nicht besonders schön, aber ein Statement. Bei soviel Provokation ist es kein Wunder, dass das bewusst falsch geschriebene Konzertplakat „Geniale Dilletanten“ zum Fanal für die gesamte Bewegung wird und heute zum Titel der Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe. (sh)

Ausstellung bis 30. April, Museum für Kunst und Gewerbe

Info:
Im Rahmen der Ausstellung gibt es ein umfangreiches Programm rund um die Subkultur der 1980er Jahre. Geplant ist eine Trommelperformance zum Mitmachen im April von N.U. Unruh (Drummer der „Einstürzenden Neubauten“) zur „Langen Nacht der Museen“ am Sonnabend, 9. April. Kinder können am 8. und 9. März an einem Ferienworkshop mit dem vielsagenden Titel „Boing Boom Tschak“ teilnehmen. Dabei geht es um die Erfindung neuer Instrumente. Infos zum Rahmenprogramm unter vermittlung@mkg-hamburg.de
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