Ein Mann am Boden

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Verehrt die schöne Helene (Birthe Gerken): Unkel Wanja (Oskar Ketelhut).Fotos: Jutta Schwöbel

„Unkel Wanja“ am Ohnsorg Theater

St. Georg. „Unkel Wanja“ liegt auf dem Sofa, mit dem Rücken zum Publikum. Irgendwann fällt er runter. Berappelt sich mühsam.
Ein Mann am Boden ohne Hoffnung. Aber er steht auf und macht weiter. So beginnt Michael Bogdanovs Inszenierung „Unkel Wanja“, die plattdeutsche Variante von Anton Tschechows Drama „Onkel Wanja“ am Ohnsorg Theater. Die erste Tschechow-Inszenierung an der niederdeutschen Bühne überhaupt. „Unkel Wanja“ ist ein brillanter Kopf, aber desillusioniert und nicht gerade ein Tatmensch. Am Ende wird er wie immer als Verwalter eines abgelegenen russischen Gutes arbeiten, nachdem er sich kurz zuvor umbringen wollte.
Er macht diesen Job, weil er sich einst für den Besitzer des Gutes, einen jetzt pensionierten Kunstprofessor begeisterte, der sich aber als egozentrischer Schwätzer ohne Ambitionen entpuppte.
In typischem Tschechow-Ambiente, einem Landgut am Ende des 19. Jahrhuderts, in der plattdeutschen Version von Hartmut Cyriacks und Peter Nissen nach Norddeutschland verlegt, treffen typische Tschechow-Figuren aufeinander, Menschen, die kaum etwas angepackt haben im Leben, kaum noch Hoffnungen auf Veränderungen haben und sich unendlich langweilen.
Wie die junge Schönheit Helene, zweite Ehefrau des Gutsbesitzers Seelmann, oder der verarmte Gutsbesitzer Tennstedt. Nur der Arzt Dr. Aster hat etwas vor, er pflanzt Bäume, versucht Umweltkatastrophen zu verhindern.
Deshalb liebt ihn Sonja, Seelmanns Tochter aus erster Ehe, die mit Wanja gemeinsam das Gut verwaltet. Doch Aster hat genauso wie Unkel Wanja nur Augen für die schöne Helene.
Diese Liebeleien und Seelmanns überraschender Vorschlag, das Gut zu verkaufen, bringen Leben in die behäbige Gesellschaft.
Michael Bogdanov gelingt es allerdings, auch die vermeintlich langatmigen Passagen des Stückes spannend zu inszenieren. Dafür standen ihm neben Tschechows brillantem Text gute bis sehr gute Schauspieler zur Verfügung.
Insbesondere Oskar Ketelhut in der Titelrolle, Birte Kretschmer (Sonja), Birthe Gerken (Helene) und Erkki Hopf (Aster) sorgen stets für Spannung im passiven Tschechow-Ensemble. In den soliden, naturalistischen Bühnenbildern von Katrin Reimers ist Bogdanov eine gute, ordentliche Inszenierung gelungen. (ch)
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