„Fett Swien“: Sticheleien nach dem Sushi

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Die Liebe geht bei Milena (Tanja Bahrami) und Tom (Jacques Freyber) zunächst ´durch den Magen Foto: Sinja Hasheider

Ohnsorg-Studio zeigt exzellentes Stück über Vorurteile und Charakterschwächen in niederdeutscher Kurzfassung

Hamburg. Milena isst gern. Das stellt Tom beim ersten zufälligen Zusammentreffen am Imbiss-Tisch sofort fest. Man sieht´s ja auch. Milena ist vollschlank, wie wohlbeleibte Frauen gern höflich beschrieben werden. Aber sie gefällt ihm. Und auch sie mag ihre neue Bekanntschaft.
Man trifft sich, kommt sich näher in Neil LaButes bösem Zeitgeist-Stück „Fettes Schwein“, das Cornelia Ehlers (Dramaturgie) und Frederike Barthel (Regie) jetzt ganz zeitgeistig mit blinkender Werbung an der Wand und Hitrhythmen aus dem Hier und Jetzt ins Niederdeutsche übertragen haben: „Fett Swien“.
Alles könnte bestens sein. Milena und Tom empfinden ihre Beziehung als etwas Einmalig-Besonderes. Wären da nicht die lieben Kollegen im Büro, die nicht verstehen können, wie der gutaussehende Tom sich ausgerechnet mit einer so beleibten Frau wie Milena zusammentun konnte.
Clemens, der intrigante „Freund“, der überall seine Ohren hat, bringt seine Sicht der Dinge schließlich rassistisch auf den Punkt: jeder sollte sich mit seinesgleichen zusammentun. Dicke, Behinderte, Fremde wollen wir nicht, weil sie uns daran erinnern, dass wir auch so werden könnten.
Und für Toms Ex-Freundin Jenny, Buchhalterin in seiner Firma, die Tom zurückgewinnen will, ist Milena nur ein „fettes Schwein“. Ihr ist völlig unbegreiflich, warum ein Mann sich freiwillig mit einer Frau dieser Figur beschäftigt. Kein Problem für eine starke Liebe, sollte man denken. Doch Tom knickt ein unter den Sticheleien und Hetzreden seiner Umgebung. Er könne nur im Einklang mit seinen Freunden und Kollegen leben, gesteht Tom Milena. Black Out. Ende aus. In Ehlers‘ gestraffter niederdeutscher Version von LaButes hervorragendem Stück über Vorurteile, Charakterschwäche und die Macht des zeitgeistigen Gruppenkodexes glänzen die vier Darstellerinnen und Darsteller. Allen voran Tanja Bahrami als schlagfertige und trotz der vielen Pfunde selbstbewusste Milena. Sehenswert aber auch Jacques Freyber in der Rolle des zögerlich-schüchternen Tom, Tobias Kilian als aalglatter, am Arbeitsplatz Golf spielender Clemens und Kristina Bremer als zielstrebige Umgarnerin mit köstlichen hysterischen Ausrastern. (ch)

„Fett Swien“, bis 6. April im Ohnsorg-Studio, Heidi-Kabel-Platz 1, Tel.: 35 08 03 21
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