Hamburger Kultkneipe wird zur Kunst

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Palette reloaded: Greta Granderath (r.) und Juliana Oliveira an neuen „alten“ Sitzbänken à la Palette in der Jupi Bar Fotos: Hanke
 
Bis Ende Mai Palette: die Jupi Bar im Gängeviertel
Hamburg: Caffamacherreihe |

Aktionswochen in der Caffamacherreihe rund um Hubert Fichtes berühmt, berüchtigte „Palette“

Von Christian Hanke
Hamburg-Neustadt
„Die Palette ist neunundachtzig bis hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt“, heißt es in Hubert Fichtes Roman „Die Palette“, gleich im zweiten Satz. Die Kneipe in der ABC-Straße war einmal Kult, in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Als „Gammler“ wurden viele ihrer Gäste damals bezeichnet, aber auch abenteuerlustige Bürgerliche fanden sich ein. Insgesamt ein bunt gemischter Haufen mit Aussteiger-Sehnsucht.

Kneipenprojekt „Die Palette“


Bis Ende Mai gibt es die Palette wieder, in der Jupi Bar, Caffamacherreihe, Ecke Speckstraße, nicht weit entfernt vom Standort der alten Palette. Die 2009 besetzte und 2016 sanierte Bar, die von einem Kollektiv im Rahmen des Hamburger Gängeviertels betrieben wird, haben die Hamburger Theatermacherinnen Greta Granderath und Juliana Oliveira für ihr performatives Kneipenprojekt „Die Palette“ mit Hilfe der bildenden Künstler Lisa Clemen und Felix Jung in die legendäre Gammlerkneipe verwandelt. Zugegeben die alte Palette ist es nicht geworden. Aber das war auch nicht die Absicht der beiden Initiatorinnen. Fichtes Roman stand Pate für eine Reihe von Veranstaltungen rund um die alte Palette und um die Kneipenkultur.

Jupi Bar mit Palette-Details


Dafür wurde die Jupi Bar mit Palette-Details und Accessoires ausgestattet, keine Originalnachbildung der legendären Kneipe, aber eine Einrichtung, die viel wiedergibt von der Atmosphäre der Palette und der damaligen Zeit. Der Tresen wurde entsprechend umgerüstet, die Fenster teilweise mit Brettern vernagelt – die Palette war eine Kellerkneipe – und damalige Sitzbänke ganz neu gebaut. Manchmal machte die Not erfinderisch wie bei der lebenden Jukebox. Für eine richtige Jukebox von damals reichte das Geld nicht. So gibt es jetzt eine selbst gebaute, in die man hineinschlüpfen und umhergehen kann. Die drei Räume der Palette, Nord, Süd und Mitte finden sich ebenfalls in Andeutungen wieder. Künstler aus ganz Deutschland beteiligt. Gefördert wird das Projekt von der Kulturbehörde und der Hamburgischen Kulturstiftung. „Ohne diese Förderung wäre das alles nicht möglich gewesen“, berichtet Greta Granderath. Ohne viele Helferinnen und Helfer, die oft spontan mit anpackten, ebenfalls nicht. „Die Helfer kamen ganz von selbst“, erzählt Juliana Oliveira. Über zwanzig Künstlerinnen und Künstler, vorwiegend aus Hamburg, aber auch aus ganz Deutschland waren und sind noch an dem Projekt beteiligt.

Großes Programm im Mai


Am Donnerstag, 11. Mai, steht die alte Palette im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Jupi Bar/Palette: „Palettenprojektion – damals und heute“. Um 19 Uhr wird Theo Janßens Dokumentarfilm „Palette Revistet“ von 2005 über die Palette und die Entstehung von Hubert Fichtes Roman gezeigt. Anschließend lädt Journalist und Stadtaktivist Christoph Twickel zum Tresengespräch mit alten Palettianern, Künstlern, Stadtaktivisten und Akteuren des Gängeviertels ein. Am Sonntag, 21. Mai, folgt ebenfalls um 19 Uhr „Die SonntagsPalette“. Die Probebühne im Gängeviertel agiert zum Thema Kneipenkultur. Die Hamburger Performance-Künstlerinnen Coco Charme und Mercedes Tuccini laden ein zu einem feuchtfröhlichen Absacker-Abend mit künstlerischen Shots aus Musik, Fotografie, Performance, Film, Travestie und Wortkunst.

Lese-Musik-Marathon zum Abschluss


Barhopping in einem Hörspielraum ist am 25. und 26. Mai, jeweils um 20 Uhr angesagt: „Liibäh, Liibäh oder: Die Bar liebt ihre Enthusiasten“. Von der Jupi Bar zur Nazikneipe in Dortmund zu einem Dragschuppen in Neukölln. Mit den Berliner Theatermachern Jörg Albrecht und Gerhold Steinbuch. Zum Schluss dann der Höhepunkt vom 27. Mai, 16 Uhr bis 28. Mai, 16 Uhr: Auflösung – die ganze Palette. Da wird der ganze Roman von Hubert Fichte gelesen, als 24-Stunden partizipativer Lese-Musik-Marathon in 76 Kapiteln. Von Künstlern des Projekts und musikalisch begleitet. Wer mitmachen möchte, meldet sich online an. Danach wird Die Palette wieder zur normalen Jupi-Bar.

Hotel statt Kneipe


Die echte Palette wurde übrigens 1964 geschlossen. Nichts erinnert heute mehr an die Kult-Kneipe. Dort, wo sie war, erhebt sich jetzt der Komplex des Marriott-Hotels. Hubert Fichte schrieb hierzu einst: „Das Hinuntersteigen über die vier Stufen dauert lange genug, um zu empfinden, dass es zwischen den zwei Klinkermäuerchen eng und niedrig wird und man nicht gern vor der Tür stehen bleibt.“

Weitere Infos und Anmeldung zum Lese-Musik-Marathon: Performatives Kneipenprojekt
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