Rekonstruktion der Wirklichkeit

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Hamm um 1900: Die Villa Rücker ist eine der vielen spätklassizistischen, beeindruckenden Landhäuser im Stadtteil .Repro: mk/hfr

Museum für Hamburgische Geschichte: Sammlung und Buch über die Hammer Landhaus-Villa Rücker

City. Hamm um 1900: Zahlreiche Landhäuser zieren die Hammer Landstraße, von der aus die Bewohner einen einzigartigen Ausblick über die Bille bis hin zur Elbe genießen.
Wer etwas auf sich hält, verbringt seine Zeit im Sommer hier auf dem idyllischen Lande. Kaufmänner und ihre Familien, die es sich leisten können, erholen sich vom dem schnellen Stadtleben in spätklassizistischen Villen, deren Baustil bis heute als extravagant und besonders gilt. 1909 sind sie nach und nach alle spurlos verschwunden.
Um so beeindruckender das Ergebnis eines Dokumentations- und Restaurierungsprojektes des Museums für Hamburgische Geschichte: Eine in der Hansestadt beispiellose, umfangreiche Sammlung an Interieur aus einer dieser Villen wurde 2009 nach 100 Jahren Schlaf im Depot des Museums wieder entdeckt. Die Villa Rücker fiel 1909 der „Verstädtlichung“ zum Opfer und musste Siedlungen und Gewerbegebieten weichen. Seit ihrem Abriss erweiterte sich die Sammlung des Museums kontinuierlich. Heute ist mithilfe der Tapeten, Stuckarbeiten, Skulpturen und anderen Wanddekorationen die fast komplette Wiedergeburt des Landhauses möglich, das einst in der Hammer Landstraße 238 das Straßenbild prägte.
Fotos und Aquarelle helfen dabei, die Architektur und die Räumlichkeiten zu rekonstruieren. Dokumente und Zeitzeugenberichte sind von großer Bedeutung, um neben dem Ästhetischen auch die Lebenskultur im 19. Jahrhundert wach zu küssen. Wie lebten diese Familien? „Es geht nicht nur um den Baustil und die Denkmalpflege, sondern auch um die Rekonstruktion der Wirklichkeit“, berichtet Claudia Horbas, Herausgeberin des Buches „Ein Landhaus in Hamburg-Hamm“, das die Forschungsarbeiten dokumentiert. Sechs Autoren, Claudia Horbas, Ortwin Pelc, Ralf Wiechmann, Olaf Matthes, Silke Beiner-Büth und Alexander Methfessel, haben ihre Ergebnisse dank der Unterstützung durch die Freunde des Museums für Hamburgische Geschichte und andere Förderer in verschiedenen Aufsätzen in einem Buchband zusammenfassen können. Von der Denkmalpflege in Hamburg, der Architektur der Villa über ihren Garten bis hin zu ihren Bewohnern, den Familien Rücker und zuletzt Merck, und ihres Interieurs ist alles vertreten, was für die Restauration des Landhauses von Bedeutung ist. Das Museum für Hamburgische Geschichte plant, die Villa Rücker, deren Größe elf Fußballfelder umfasste, in der zweiten Etage wieder zum Leben zu erwecken. Mit dem Zukunftsprojekt „öffnet sich eine neue Perspektive auf Hamburgs wenig beachteten Osten und
dessen einstige stadträumliche Qualität“, so Prof. Dr. Lisa Kosok, Direktorin des Museums. Bereits 2010 hatte es eine Ausstellung der Sammlung gegeben, die mithilfe der Forschungsarbeit nun als Dauerprojekt in die Mauern der Institution Einzug erhalten wird. (mk/hfr))

Ein Landhaus im Hamburg-Hamm. Die spätklassizistische Villa Rücker (1831-1909) und ihre Bewohner. Hrsg. von Claudia Horbas. Edition Temmen. 176 Seiten, 258 Abbildungen. ISBN 978-3-8378-2021-8. Preis 24,90 Euro.
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