120 Jahre Bahnhofsmission

Anzeige
Seit Juni 2010 ist Axel Mangat Leiter der Bahnhofsmission Foto: Gehm
 
Arbeitskleidung der Bahnhofsmission in den 50er- Jahren (r.) und heute (l.) zeigen die Mitarbeiter Louis Knüppel und Jutta Christians Foto: Gehm
 
Der Schweizer Markus E. Tanner nutzt den Aufenthalt in der Bahnhofsmission, um Geschichten über Hamburg zu schreiben Foto: Gehm
 
Früher wie heute sind Mitarbeiter der Bahnhofsmission auf dem Bahnhof unterwegs, um zu helfen Repro: Gehm

Festgottesdienst am kommenden Sonntag

Von Dagmar Gehm

Bahnhöfe. Ankunftsort nach langer Reise für die einen, Aufbruch in ungewisse Zukunft für die anderen. Zwischenstation für Umsteiger. Ursprünglich als Hilfsstation für junge Mädchen vom Lande gedacht, die in der Großstadt an unseriöse Arbeitsvermittler zu geraten drohten, kümmert sich die Bahnhofsmission nun schon seit 120 Jahren um Gestrandete und Gefährdete, um Hilflose und Heimatlose, um Ratsuchende und Rastlose. Als Auftakt für die Feier am 1. Oktober findet am 19. April um 10 Uhr ein Festgottesdienst an St. Jacobi statt.

Er sagt, in der Schweiz besitze er Bankkonten. Er sagt, in Hamburg mache er Platte, wie Wohnungslose das Übernachten im Freien bezeichnen. Passend zu seinem Namen im Wald. Markus E. Tanner scheint ein Mann der Widersprüche. Regelmäßig sucht er die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof auf. Seine Oase, wie er sie nennt. Wo er Kaffee, Tee oder Wasser bekommt und die er nutzt, um an einem Tisch seine Gedanken zu Hamburger Geschichten in einem gelben Notizbuch zu bündeln. Auch über die Mission. „Hier werde ich immer freundlich empfangen“, sagt der 61-jährige, „hier darf ich kostenlos telefonieren und Zeitung lesen.“ Warum der Schweizer freiwillig obdachlos geworden ist, weiß niemand so genau. „Oft dauert es Jahre, bis wir erfahren, warum es da auf einmal einen Bruch im Leben gab“, erklärt Axel Mangat, Leiter der Bahnhofsmission. „Die Menschen bringen alle möglichen Geschichten mit. Wir helfen allen, aber wir forschen nicht nach.“

Kleine Mosaiksteine zum Freuen


Rund um die Uhr ist die Bahnhofsmission am Steintorwall, Hamburger Hauptbahnhof, geöffnet, von 10 bis 16:30 Uhr im Bahnhof Altona, von 12 bis 18:30 Uhr in Harburg. 90 Personen sind insgesamt im Einsatz, 13 Festangestellte verteilt auf 10,5 Stellen, 70 Ehrenamtliche und sieben Freiwilligendienstler. Nicht genug für die drei Standorte, wie Axel Mangat versichert. Die festangestellten Mitarbeiter haben eine abgeschlossene Berufsausbildung, vom Friseur bis zum Ingenieur. Bei den ehrenamtlichen gibt es ein kleines Auswahlverfahren mit fünf Probediensten.
Wie bei Jutta Christians, die nach einer erfüllenden Aufgabe im Ruhestand suchte. „Es gefällt mir, dass ich hier Menschen treffe, denen ich sonst nicht begegne“, erzählt sie. „Ich erfahre von Schicksalen, die mich berühren. Helfe Frauen, die häusliche Gewalt erfahren und von hier aus in Frauenhäuser abgeholt werden“. Bereut hat sie ihre Tätigkeit noch nie. „Es sind kleine Mosaiksteine, über die ich mich freue. Wenn jemand zum Beispiel eine Therapie beginnt, die wir vermittelt haben.“
„Etwas Soziales machen“ wollte auch Louis Knüppel nach dem Fachabitur. Den Job im Freiwilligendienst hat der 19-jährige über das Diakonische Werk gefunden. Anstrengend findet er die Schichtarbeit, andererseits hilft sie ihm, Berührungsängste zu verlieren: „Benachteiligten aus der Patsche zu helfen, finde ich richtig gut“.

Ersteinschätzung wie in der Notfallambulanz


„Die Missionsarbeit ist sehr speziell“, betont Magnat. „Zu erkennen, wieviel man mit kleinen Dingen bewirken kann. Mit Zuhören, Mitgehen, einen Tipp geben, Aufmerksamkeit schenken. Man weiß nie, was passiert, es gibt keine Termine wie beim Arzt. Stattdessen Ersteinschätzung wie in der Notfallambulanz, um welches Problem es geht.“ Da muss man gut improvisieren können. Sich z.B. etwas einfallen lassen bei dem Mann, der seinen Schlüssel verloren und den Ersatzschlüssel seinem Freund gegeben hatte. Der sich aber leider in U-Haft befand.
Getragen wird die Hamburger Bahnhofsmission in ökumenischer Trägerschaft von hoffnungsorte hamburg (Verein für Innere Mission - Hamburger Stadtmission) - gemeinsam mit dem Kirchenkreisverband Hamburg und dem Caritasverband für Hamburg e.V.. „Blickwechsel“ lautet das Motto, das über dem Jubiläum steht. „Darum geht es auch im Gottesdienst“, sagt Hauptpastorin Pröbstin Astrid Kleist, die mit Begleitung der Hamburg Gospel Ambassadors am 19. April den ökumenischen Festgottesdienst in der nahen St. Jacobi-Kirche halten wird. „Blickwechsel auch bei der Arbeit der Bahnhofsmission: die Menschen nicht nur als hilfesuchende Masse zu erleben, sondern jedem einzelnen in die Augen zu schauen und sich auf ihn einzulassen. Genau das ist eigentlich auch die Botschaft Jesu: dem Nächsten seine Würde lassen, gerade wenn er auf Hilfe angewiesen ist.“
Wie eng die Zusammenarbeit mit der Mission ist, zeigt sich immer wieder an Menschen, die in Hamburg gestrandet sind und kein Geld für die Heimfahrt haben. „Wir schicken sie zur Bahnhofsmission, und die Mitarbeiter buchen die Fahrkarte. Die Rechnung geht dann an uns. So arbeiten wir Hand in Hand zusammen“.

Familienzusammenführung auf dem Bahnhof


Doch nur ein Drittel der Arbeit dreht sich um Notlagen im Reiseverkehr. Um Bahnreisende, denen nach vorheriger Anmeldung beim Umsteigen geholfen wird, die ihre Fahrkarte oder den Koffer verloren haben. Oder einen Mitreisenden. „Wie neulich, als eine weinende Mutter mit Tochter aus Tschechien den Mann auf dem Bahnhof verloren hatte. Wir haben dann im Bahnhof ausrufen lassen, ob jemand tschechisch spricht. Das hat geklappt, die Familie konnte wieder zusammengeführt werden.“ Ansonsten sprechen die Mitarbeiter viele Sprachen – bis hin zum Mandarin. Oder es werden in Notfällen Dolmetscher angefordert.
„Auf der Suche nach hilflosen Personen gehen wir ständig über den Bahnhof“, sagt Axel Mangat. Als der Sozialpädagoge und -manager 2010 hier anfing, hat er die Bahnhöfe neu kennengelernt. Vorher waren sie für ihn reine Reiseorte mit Menschen, die mit einem Zug ankommen oder abfahren. Jetzt scheinen sie für ihn mit seismografischen Sensoren für kommende soziale Probleme ausgestattet, die andernorts viel später auftauchen. Wie die Armutsgruppen, die durch die EU-Erweiterung entstanden sind.
„Die Bahnhofsmission…. hat, wie kaum eine andere soziale Einrichtung, den Pulsschlag, aber auch den Herzstillstand der mobilen Gesellschaft erlebt“, schreibt Bruno W. Nikles in dem Buch „Soziale Hilfe am Bahnhof – zur Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland (1984 – 1960)“.

Die jungen Mädchen vom Lande sind heute Männer aus Osteuropa


Waren es Ende des 19. Jahrhunderts junge Mädchen aus ländlichen Gebieten und aus Ostpreußen, die sich als Fabrikarbeiterin oder Dienstmädchen verdingen wollten, sind es heute Männer aus Osteuropa, die vom Magnet Großstadt angelockt werden. Die skrupellosen Bar- und Bordellbesitzer, an die die Mädchen auf der Suche nach ehrlicher Arbeit gerieten, wurden abgelöst durch nicht minder unseriöse Firmen, die den Männern den Lohn schuldig bleiben und sie ausnutzen. Polen, Rumänen, Bulgaren, die aus Scham nicht mehr zu ihren Familien heimreisen wollen, sondern immer weiter in den Sog der Abwärtsspirale geraten. Denen die Mission Therapieangebote macht oder die Rückreise ermöglicht. Die Mädchen und die Männer – für beide war und ist die Bahnhofsmission der letzte rettende Strohhalm. Gestern wie heute.
Seit 1882 halfen Frauen unwissenden Mädchen bei ihrer Ankunft an den Hamburger Bahnhöfen Klosterthor, Berliner, Lübecker und Hannöverscher Bahnhof durch die Vermittlung von Arbeit und Unterkunft. Um dem Mädchenhandel, begünstigt durch den Hafen als Umschlagplatz, entgegenzuwirken, entstand in Zusammenarbeit mit dem „Verein für Innere Mission /Hamburger Stadtmission am 1. Oktober 1895 die Bahnhofsmission in Hamburg. Ab 1897 sorgte sich speziell der „Jüdische Frauenbund“ um die Probleme von Ostjüdinnen, die an Schlepper gerieten. Um die Jahrhundertwende schlossen sich der jüdische Frauenbund und der katholische Raphaelsverein der Hamburger Bahnhofsmission an. Von 1906 wirkten alle Konfessionen gemeinsam im neu erbauten Hamburger Hauptbahnhof.
Doch nach wie vor ist die Bahnhofsmission Anlaufstelle für Menschen mit wirtschaftlichen, sozialen, psychischen oder psychischen Problemen geblieben. „Wir sind keine Tagesaufenthaltsstätte, keine Essensausgabe sondern eine soziale Notambulanz“, erklärt Axel Mangat. Bis zu einer Stunde etwa dürfen sich Besucher aufhalten. Zu jeder Zeit, rund ums Jahr. „Wir sind Hamburgs einzige Einrichtung dieser Art, die 24 Stunden am Tag für jeden Menschen geöffnet ist. Als erste Anlaufstelle, für jede Notlage“.

Entscheidender Knotenpunkt für das gesamte Hamburger Hilfesystem


Allerdings kann die Bahnhofsmission nur Wege aufzeigen und ein paar Schritte mitgehen. Die Verantwortung nehmen sie dem Rat- und Hilfesuchenden nicht ab. Als Hilfe zur Selbsthilfe bietet sie weniger Dienstleistung als menschliche Unterstützung. Die Arbeit der Mission endet immer dort, wo die Arbeit der Spezialisten beginnt. Ihre Funktion ist die Vermittlung zwischen Wohnungslosen-, Drogen- und Jugendhilfe, dem medizinischen System, Kleiderkammern, Therapie, Beratungsstellen. „Wir geben Adressen von Seelsorgern und Experten, die gemeinsam mit Ratsuchenden die Situation einschätzen. Die Entscheidung müssen sie dann selber treffen“, betont Axal Mangat. „Wir sind ein entscheidender Knotenpunkt für das gesamte Hamburger Hilfesystem“.
Da die Mission über Spenden verfügt, die von Institutionen, Firmen und Privatpersonen gegeben werden, weil auch auf dem Tresen eine große Sammelbüchse steht, ist sie in der Lage, auch eigene Lösungen anzustreben.
Zum Beispiel für die mehrmonatige Unterbringung einer Flüchtlingsfamilie im eigenen Übernachtungshaus am Hühnerposten, bis zur Klärung ihrer sozialen Ansprüche.
120 Jahre Bahnhofsmission. Vom Landmädchen, das am Bahnhof ankam, bis zum syrischen Flüchtling. Immer wieder hat sie sich neu erfunden, hat neue Antworten gefunden auf drängende Fragen. Im Schnitt 350 Kontakte verzeichnet sie täglich. Mit Anfragen vom WC-Besuch bis zum Einsatz eines Rettungswagens. Über 370.000 mal hat sie allein 2014 Hilfe geleistet. Hat Übernachtungsplätze vermittelt, Essensausgaben, Therapien. Hat Flüchtlingen versichert, dass sie hier nicht verfolgt werden und Menschen Aufmerksamkeit geschenkt, die sonst nicht wahrgenommen werden. Hat Leid mitgetragen und mit ausgehalten. Und sie hat nicht nachgehakt, warum jemand wie Markus E. Tanner Platte macht in Hamburg, obwohl er eine Adresse in der Schweiz hat.
Spendenkonto Bahnhofsmission: Evangelische Bank e.G., BIC: GENODEF1EK1, IBAN: DE19 5206 0410 0006 4189 29.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige