Auf den Spuren des alten Hamburg

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Holz von der Neuen Burg und Backstein von einem Haus aus dem 19. Jahrhundert hat Grabungsleiter Kay-Peter Suchowa unter anderem am Hopfenmarkt gefunden. Jedes Teil ist bezeichnet Foto/Repro: Hanke
 
Der Hopfenmarkt 1892: auf den Grundstücken Nr. 32 und 33 wird jetzt gegraben. Die Häuser wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört Foto/Repro: Hanke

Archäologische Ausgrabungen am Hopfenmarkt. Führungen nach Anmeldung

City Kay-Peter Suchowa steht in einem großen weißen Zelt am Hopfenmarkt, Ecke Hahntrapp, das acht Grabungsfelder bedeckt, in denen gut erhaltene Holzpfähle und -balken ebenso zu sehen sind wie Reste von Backsteinmauern und weißem Beton. Der Archäologe und sein Team sorgen gerade dafür, dass Hamburgs älteste Geschichte teilweise neu geschrieben werden kann.
Suchowa ist der Leiter einer Grabung an äußerst geschichtsträchtiger Stelle. „Wir sind hier mitten im Wall der Neuen Burg und stehen außerdem in der alten Nikolaikirche“, erläutert Suchowa. Ein Glücksfall für Archäologen, die nur dann tätig werden können, wenn eine freie Fläche zur Verfügung steht. Das bedeutet in der dicht bebauten Innenstadt in der Regel, wenn ein Haus abgerissen wurde. So geschehen kürzlich an der Ecke Hopfenmarkt/Hahntrapp.

Drei Monate Zeit


Ein schmuckloser Bau aus den 1960er Jahren verschwand. Für drei Monate gehört die Fläche seitdem den Archäologen. Sie fanden Beachtliches. Holzpfähle und -balken der Neuen Burg, durch Feuchtigkeit, bedingt durch die Nähe des alten Alsterlaufs, dem heutigen Nikolaifleet, bestens konserviert. Ebenso wie zusammengepresste Grassoden, aus denen der Wall gebaut wurde. Über dem Holz ist der Hamburger Backstein zu erkennen, der bis zur Gründung des Kaiserreichs 1871 in Hamburg zum Häuserbau verwendet wurde. „Diese Backsteine sind fünf Zentimeter hoch. Nach 1871 wurden in ganz Deutschland einheitlich größere Backsteine verwendet“, berichtet Kay-Peter Suchowa, der daraus folgern kann, dass die gefundenen Backsteine zu dem Haus gehörten, das hier nach dem Großen Hamburger Brand, also nach 1842 gebaut wurde. Bis 1842 stand hier die alte Nikolaikirche. Von einer Kirche haben Suchowa und sein Team Überreste gefunden. Ein großer Stein ragt mitten aus einem der Grabungsfelder heraus. „Der gehört zum Fundament der Kirche“, erläutert Suchowa, der hofft, dass durch diese Grabung der Bau der ersten Nikolaikirche nachgewiesen werden kann. Der
Stein liegt auf dem Wall der Neuen Burg, muss also später als 1139 dorthin gesetzt worden sein. 1139 wurde die Neue Burg zerstört. 1164-1168 wurde eine Kapelle im Bereich der Neuen Burg geweiht. Hellere Backsteine, die ebenfalls in den Grabungsfeldern zu sehen sind, zeugen vom Ausbau der Nikolaikirche im 13. Jahrhundert. „Die sind 10 Zentimeter hoch, wurden von den Dänen verwendet, die Hamburg 1201-1245 beherrscht haben“, erzählt Kay-Peter Suchowa.

Bäume geben Aufschluss


Im Fokus der Archäologen steht aber in erster Linie die Neue Burg. Suchowa und sein Team haben dank der Dendrochronologie, nach der die Entstehung und Verwendung von Holz etwa bis 14.000 v. Chr. zurückverfolgt werden kann, herausgefunden, dass die Bäume für die gefundenen Stämme im Winter 1023/24
gefällt wurden. Damit ist der Beweis so gut wie erbracht, das die Neue Burg bereits in den 1020er Jahren und nicht erst, wie bislang angenommen, 1061 errichtet wurde. Und vermutlich identisch mit der angeblich in Alsternähe erbauten Alsterburg ist, die Kay-Peter Suchowa nach diesem Fund für ein Phantom hält. Der Billunger Herzog Bernhard II. (regierte 1011-1029) hat nach einer Überlieferung an der Alster ein festes Gebäude erbaut, welches die Historiker aufgrund eines steinernen Fundes in der Nähe des heutigen Rathauses vermuteten und Alsterburg nannten. Es gibt allerdings nur einen Hinweis auf dieses Bauwerk. Bernhards Sohn und Nachfolger Ordulf soll dann um die Mitte des 11. Jahrhunderts die Neue Burg errichtet haben. „Erstaunlich, dass der Sohn nicht lange nach dem Bau der väterlichen Burg eine eigene gebaut haben soll“, findet Suchowa, der auch nicht glauben kann, dass der Erzbischof den Bau einer gräflichen Burg in seinem Herrschaftsbereich zugelassen hätte. Die Alsterburg hätte, wenn die bisherige Lesart richtig wäre, im Machtbereich des Erzbischofs gestanden. Allenfalls ein steinernes Haus habe sich Graf Bernhard wohl im Bereich des Rathausmarkts errichtet, vermutet Suchowa. Er aber war der Bauherr der Neuen Burg. Das hält Suchowa für sicher. „Wir haben schon 17 Baumstämme untersucht, die 1023/24 gefällt wurden. Wir werden diesen Befund durch weitere Holzuntersuchungen erhärten“, erläutert der Grabungsleiter. Demnach könnte die Neue Burg der Nachfolger der Hammaburg gewesen sein, die in den Jahren zuvor durch den Heidenwall ersetzt worden war.
Bis April haben Suchowa und sein Team dafür noch Zeit. Ein kleines Grabungsfeld bleibt ihnen sogar noch bis Juli. Dann müssen die Funde abgebaut werden. Der Wall der Neuen Burg, der fast 1000 Jahre gehalten hat, wird abgebaut. Die Grube wird geschlossen. Ein neues Gebäude wird errichtet. Mindestens das fünfte seit 1024. (ch)

Führungen bis Juni jeden Donnerstag von 14 bis 15 Uhr, Teilnehmerzahl begrenzt, verbindliche Anmeldung erforderlich, 42871-2497. Treffpunkt: Hahntrapp 4, Weitere Informationen: Archäologisches Museum Hamburg
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