Das Wunder von Kempten

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Nicole (41) ist glücklich – sie hat ihr Fahrrad zurück. Gregor Krüger vom „Weißen Ring“ (rechts) hat ihr dabei geholfen, Werkstattleiter Matthias Schwandt (50) hat es zusammengeschraubt Foto: ks
 
Bei den Hamburg Cyclassics war Nicole H. trotz Reifenpanne mit zwei Stunden, drei Minuten zügig unterwegs Foto: wb

Fahrrad in Barmbek gestohlen. 700 Kilometer weiter taucht es wieder auf

Von Klaus Schlichtmann
Barmbek So etwas kann man schon eine Pechsträhne nennen: Gleich drei Fahrräder wurden der Friseurin Nicole H. (41) aus Barmbek innerhalb von wenigen Monaten gestohlen! Glück im Unglück: Das dritte Fahrrad konnte sichergestellt werden – 770 Kilometer vom Tatort in Barmbek entfernt, in der Nähe von Kempten im Allgäu.

„Dass ich mein Rad jemals wiedersehe, damit habe ich nicht gerechnet“, strahlt Nicole, die nun wieder mit ihrem glänzenden Trekking-Sportbike zur Arbeit fahren kann. Dass die Beute der Fahrrad-Mafia wieder auftaucht, kommt wirklich nicht oft vor. Nach der neuesten Statistik für 2015 konnten in Hamburg lediglich 3,2 Prozent der Diebstähle aufgeklärt werden. Und die Zahl der geklauten Fahrräder ist (wieder einmal) gestiegen: 17.217 Fahrräder wurden als gestohlen gemeldet – 1.156 mehr als 2014. Und in den ersten drei Monaten 2016 stieg die Zahl der Diebstähle im Vergleich zum Vorjahres-Quartal noch einmal um einen zweistelligen Prozentsatz. Besonders stark betroffen: die City und Barmbek.

Schloß wurde geknackt

Die schwarze Serie für Nicole H. begann im Juli 2015. Gerade hatte sie nach einer Krebserkrankung schwere Monate und Wochen hinter sich, darum war ihr Fahrrad mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. „Mit dem Radfahren wollte ich mir und anderen beweisen, dass ich wieder da, aktiv bin, um wieder fit zu werden“, erklärt die sportliche Barmbekerin. Hundert Euro hatte sie in einer gemeinnützigen Fahrrad-Werkstatt in Steilshoop für ihren fast neuwertigen Drahtesel ausgegeben – ein Schnäppchen. Nicole zahlte in zwei Monatsraten, weil das Geld knapp ist: durch die Erkrankung wurde sie arbeitslos, hilft jetzt ehrenamtlich im Steilshooper Stadtteil-Bistro aus.

Zurück zum Fahrrad, das an einem Tag im Juli plötzlich nicht mehr da war. „Ich hatte es vor meiner Wohnung an einem Metallzaun angeschlossen“, erzählt Nicole. Als sie wenig später aus dem Wohnzimmerfenster schaute, war es weg. Der Bruder stellte ihr sein hochwertiges Mountainbike zur Verfügung. Nicole: „Ich wollte doch unbedingt an den Hamburger Cyclassics teilnehmen und beweisen, dass ich auch diese 55 Kilometer- Tour schaffe!“
Lange dauerte der Spaß mit dem geliehenen Rad nicht, schon nach zwei Wochen wurde auch das geklaut. „Es war wieder vor dem Haus am Metallzaun angeschlossen, dieses mal schnitt der Täter einfach den Zaun auf.“
Am Cyclassics-Rennen konnte Nicole aber doch noch teilnehmen, denn der Veranstalter stellte ihr hierfür ein Rennrad zur Verfügung.

Fahrrad Nummer drei – Nicole hatte es sich wieder quasi vom Mund abgespart – verschwand Ende 2015 wieder direkt vor ihrer Wohnung. „Als würde mich jemand beobachten“, vermutet Nicole. Dieses mal aber hatte sie sich die Rahmennummer notiert, die die Polizei in der Strafanzeige aufnahm. Und dank dieser Nummer hat Nicole ihr Fahrrad seit ein paar Wochen wieder. Bei einer Routinekontrolle auf der A 7 bei Kempten stoppten Beamte der Bundespolizei ein Auto mit zwei Männern aus Albanien. Im Kofferraum des Wagens entdeckten sie ein Fahrrad, zerlegt in Einzelteile und in Tüten verpackt. Angeblich, so die Aussage der Männer, hätten sie das Rad in Norddeutschland gekauft. Das zerlegte Fahrrad wurde beschlagnahmt, gegen die Männer läuft ein Ermittlungsverfahren.

„Weißer Ring hilft“


Anhand der Rahmennummer konnte die Polizei feststellen, wem dieses Rad gehört – Nicole H. aus Barmbek. Nun kam der Opferschutzverein „Weißer Ring“ ins Spiel. „Weil die junge Frau durch ihre schwere Erkrankung in eine finanziell angespannte Lage geraten ist, haben wir den Rücktransport nach Hamburg finanziert und auch die Kosten für den Wiederaufbau des Rades sowie für fehlende Ersatzteile übernommen“, erklärt Gregor Krüger vom „Weißen Ring“ in Hamburg.
Die 55 Kilometer-Cyclassics hat Nicole locker geschafft, in zwei Stunden, drei Minuten!
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