Der mit dem Volk singt

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Das ist „Hamburg singt“: Gut 500 Teilnehmer kommen zu den wöchentlichen Events, geleitet von Niels Schröder (vorn) Foto: Maria Heggemann
 
Niels Schröder (31) aus Elmshorn ist studierter Pianist und passionierter Chorleiter Foto: Dagmar Gehm
 
„Hamburg singt“ als Flashmob in der Europa-Passage: Am 4. Advent kamen hier rund 3.000 Amateursängerinnen und Sänger zusammen und intonierten Weihnachtslieder Foto: Dagmar Gehm

Neustadt: Deutschlands größter Freizeitchor feiert zweiten Geburtstag

Von Dagmar Gehm
Neustadt
Frenetischer Beifall, Frauen jubeln, Männer pfeifen. Wie einen Rockstar feiern rund 500 Menschen den coolen Typen dort oben auf der Bühne, der die Massen aufmischt und den Saal rockt. Irgendwo zwischen DJ und modernem Gotthilf Fischer bewegt sich das Energiebündel Niels Schröder. Einen großen Chor meist ungeübter Stimmen kriegt er scheinbar mühelos in den Griff. Das Phänomen hat einen Namen: „Hamburg singt“. Es feiert im Februar den zweiten Geburtstag.

Die Wochenblatt-Reporterin vor Ort


Mein erstes Mal in der Freien evangelischen Gemeinde FeG Holstenwall zu Füßen des Michels. Hier findet „Hamburg Singt – der Chor für Alle“ jeden Dienstagabend im Gemeindesaal statt. Ich bin skeptisch. Nach vielen Jahren Chorabstinenz traue ich mich nicht. Habe Angst, durch falsche Töne aufzufallen und unbekannte Songs zu vermasseln.
Bis ein Meer aus Hunderten von Stimmen über mich schwappt und mich einfach mitspült. Bis ich eintauche in diese große Harmonie, Teil werde eines Megasounds, aus dem ich weder herausrage noch untergehe. Niemand erleidet Schiffbruch in dem größten regelmäßig probenden Chor Deutschlands. Jeder wird aufgefangen und mitgetragen.
Selbst die wohl 3.000 Menschen, die zum 4. Advent dem Ruf in die Europa Passage gefolgt waren. Ein Flashmob aus Followern, meist virtuell benachrichtigt und analog zusammengefunden, um gemeinsam deutsche und englische Weihnachtslieder zu singen. Und zu spenden für den Verein KinderLicht e.V..
Wer für einen Augenblick nicht auf die Lieder hört, sondern nur auf Bühne und Band schaut, wähnt sich wechselweise in der Disco, bei einer Karaokeshow oder in einer Gospelkirche. Der charismatische Chorleiter Niels geht ab wie eine Rakete, reißt rhythmisch den Arm in die Höhe, tanzt und hüpft raumgreifend mit dem Mikro quer über die Bühne, groovt mit den Solisten, kokettiert mit dem Publikum. Das eigentlich gar kein richtiges Publikum ist sondern sein Sound, sein Spiegel, der die Moves reflektiert, den Rhythmus atmet, die Lieder lebt. Generationsübergreifend. Ein Phänomen!

Ohne Noten - der Text steht auf dem Monitor


Statt vom Notenblatt lässt sich bei jedem Singen der Text bequem von Screens oder Leinwand über und neben der Bühne ablesen. Idiotensicher mit Pfeilen, die anzeigen, ob die Melodie rauf oder runter geht. Lieder auf Deutsch, auf Englisch und auch schon mal op Platt. Nach der Probe wird Schröder von Groupies umzingelt, nur dass neben den Teenies auch deren Väter und Omis um seine Aufmerksamkeit buhlen.
Wie kommt man auf diese Idee, die einen solchen Hype auslöst? „Als ich in Stockholm einen Chor aus 500 bis 600 Leuten zusammen singen gehört habe, bekam ich Gänsehaut“, erinnert sich Niels Schröder. „Das fehlt hier, dachte ich, das gibt es in Deutschland noch nicht. Die Kultur des Alltagssingens ist nicht vorhanden. Viele singen heimlich unter der Dusche, im Auto oder im Fußballstadion. Manche sagen, sie könnten nicht singen, aber sie treffen trotzdem die Töne. Für sie ist so ein Chor, zu dem man ohne Anmeldung und ohne Verpflichtung gehen kann, ideal. Sie kommen für anderthalb Stunden, sind Teil eines großen Ganzen und nehmen das positive Erleben mit nach Hause.“

Gut gelaunt nach Hause


Weit über 70 Prozent sind Stammsänger, davon wiederum 70 Prozent Frauen und 30 Prozent Männer – Tendenz steigend. Viele verabreden sich auf Facebook. Eine Stunde wartet Wolfgang Steudten mit seiner Frau Petra und Nichte Heinke Rathje vor der Tür, um mit dem harten Kern dem Frontman direkt an der Front gegenüberzustehen. Oft wird schon ein Gläschen Sekt zusammen getrunken: „Wir gehen jedes Mal gut gelaunt hier wieder raus“, sagt der Eissendorfer. „Niels hat es gut drauf, uns neue Lieder schnell beizubringen.“
Auch Sabine Wustrack aus Blankenese ist fast von Anfang an dabei. „Ich mag das Repertoire total gern. Songs aus den Charts bis zu Oldies und Musicals. Und ich habe nette Cliquen hier kennengelernt.“
Sabine Wustrack geht direkt nach der Arbeit zum Singen. Afterwork Party mal anders gefeiert. Die emotionale Bindung ist stark. Für Maike Block aus Ohlstedt ist „der Spaßfaktor die Anfahrt wert.“ Rollifahrer Martin reist in Begleitung seiner Mutter jedes Mal mit der Bahn aus Bremen an. Egal, ob es regnet oder schneit.
Bereits mit 19 Jahren hatte der heute 31-jährige Niels in seinem Heimatort Elmshorn den Young Spirits Gospel Choir gegründet. Der errang für Schleswig-Holstein beim Grand Prix der Chöre des ZDF 2008 den vierten von acht Plätzen.
Seine musikalische Ausbildung erhielt Schröder als Pianist, Sänger, Saxophonist und Chorleiter an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Musik liegt in der Familie, Bruder Sören (29) ist als Schlagzeuger bei „Hamburg Singt“ dabei, Vater Jörn ist mit der plattdeutschen Band „Liekedeler“ unterwegs. Musik handgemacht.

Gründung war im Februar 2013



Handgemacht war anfangs auch die Öffentlichkeitsarbeit für „Hamburg Singt“, nachdem Niels in Elmshorn, unterstützt von Freunden und Familie, zwei Testläufe mit einem kleineren Team durchzog, bevor er mit dem Chor für Alle im Februar 2013 an den Start ging. Über Facebook, Homepage und Flyer rief er zur Teilnahme auf. Der Zuspruch ließ nicht lange auf sich warten, eine Marktlücke war gefüllt. Pop und Rock, Hip Hop und Rap, Musik von gestern und heute, ein Repertoire von Elvis bis Bruno Mars, Pharrell Williams, Seeed, Michael Jackson, Tina Turner ist das Erfolgsgeheimnis dieses ungewöhnlichen Mix aus zeitgleicher Chorprobe und Konzert, bei dem es keine Zuschauer gibt sondern nur Teilnehmer.
Schnell spricht es sich herum, auch bei denen, die schon „oben“ sind, wie Johannes Oerding, der als Gastsänger einen Auftritt bei „Hamburg Singt“ hatte, genauso wie die Gospelsänger Calvin Bridges und Latonius Earl sowie die „X-Factor“-Teilnehmer Alexander Knappe und die Girlgroup Big Soul. Eine eigene CD hat der Chor inzwischen herausgebracht, und über ähnliche Projekte in anderen deutschen Städten denkt Niels Schröder auch schon nach.
Ich habe mich inzwischen selber eingespleißt in den satten Sound. Lasse mich anstecken von der Power, die der dynamische Chorleiter-DJ-Rockstar ausstrahlt.
Mitreißend. Hinreißend. (geh)
Chorproben dienstags, Beginn 19 Uhr, im Gemeindesaal der FeG Holstenwall, Michaelispassage 1. Tickets ab 18.15 Uhr an der Abendkasse. Einzelticket: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro (Schüler, Studenten, Auszubildende, Schwerbehinderte). Zehnerticket 65 Euro, ein Jahr gültig. Internet: www.hamburg-singt.de
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