Die Lage wird ja immer besser?

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Schauspieler Rolf Becker wohnt in der Koppel und hat gegen die Veränderung seiner Wohnlagensituation geklagt. Mit Erfolg. Foto: kg

Vom Sprung in die gehobene Wohnlage

St. Georg. Im Stadtteil St. Georg gibt es Wohnungen in normaler und gehobener Wohnlage. Wovon die jeweilige Wohnsituation abhängt, ist dabei nicht immer leicht verständlich und kann sich sogar mit den Jahren immer wieder verändern. Abhängig von dem Angebot an der nächsten Straßenecke kann dann theoretisch gesehen die Eröffnung eines Hotels im Viertel oder ein exklusives Geschäft die Wohnlage schon wieder zugunsten der gehobenen Klasse verändern. Besitzer von Immobilien mögen das als Aufwertung ihrer Anlagen empfinden, Mietern allerdings graut es sofort vor zusätzlichen Kosten. „Sie wohnen eben direkt an der Alster und können sogar von ihrem Balkon aus ein Stück Wasser sehen“, könnte die Erklärung eines Vermieters für die gehobene Wohnlage sein. Für viele allerdings klingt die plötzliche Veränderung der Lage und die Argumente, die dafür sprechen sollen, alles andere als plausibel. In St. Georg wurde deshalb bereits geklagt. Schauspieler Rolf Becker beispielsweise wohnt mit seiner Familie in der Koppel, konnte sich vor Jahren noch über einen einigermaßen schönen Ausblick und helle Räume freuen, bis ihm eine neue Bebauung die Sicht versperrte und die Wohnungen im Haus dunkler werden ließen. Was mit gutem Ausblick noch eine normale Wohnlage gewesen ist, sollte dann später in eine gehobene Lage geändert werden. Ausschlaggebend sind dabei nicht die Bäume, die Grün vor die Tür bringen oder die Boutiquen, die in der Langen Reihe eröffnen, sondern die umliegenden Mieten, die für einen erheblichen Mietenspiegel sorgen. Kompliziert und ziemlich ungerecht, meinen die Bewohner der Koppel, die hier seit Jahrzehnten wohnen und eine „Schraube ohne Ende“ befürchten. Seit 1971 bewohnt Rolf Becker immer dasselbe Haus und möchte hier auch bleiben. Er zahle heute allerdings mehr als die zehnfacht Miete von damals. Wie manch anderer auch bedauert Becker den Wandel des Stadtteils, der viele Eigentumswohnungen für Menschen mit Vermögen mitbringe. Familien gebe es deshalb jetzt auch weniger als noch vor Jahren, meint der Schauspieler, der das Viertel gerade wegen seiner Lebendigkeit immer so geschätzt hat. Wenn die Preise in St. Georg weiter so explodieren, wie bisher, dann befürchtet er, dass dies nur noch ein Stadtteil für Wohlhabende sein wird. Rolf Becker hat gegen die Veränderung seiner Wohllagensituation geklagt und zunächst Recht bekommen. Allerdings auf beschränkte Zeit und „mit einer Mieterhöhung rechnen hier trotzdem alle täglich“. „Wenn das so weitergeht, dann ist das nicht die Entwicklung eines Stadtteils, sondern sein Untergang“, befürchtet Rolf Becker, der sich zusammen mit anderen Mietern gegen die willkürliche Aufwertung wehren will. „Man kann einen Stadtteil auch totsanieren“, vergleicht Becker seinen Eindruck aus Paris, wo interessante Viertel heute brach liegen. St. Georg allerdings liegt nach wie vor bei den Wohnungssuchenden hoch oben im Kurs und sogar Kellerwohnungen gehen hier für mehrere Hundert Euro Miete rasend schnell weg. Bei steigendem Mietenspiegel und damit verbundenem Anstieg des Quadratmeterpreises aller Wohnungen bleibt abzuwarten, wer sich überhaupt noch ein Leben in dem Quartier zwischen Steindamm und Alster leisten kann. Begehrt ist St. Georg zu allen Zeiten gewesen und wer einmal dort lebt, der kann irgendwie auch nicht wieder weg. (kg)
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