Die neue Lust auf gutes Benehmen

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Anschauungsunterricht durch Etikette-Trainerin Susanne Pflaumbaum Foto: Gehm
 
Jeffrey Truong (v.l.) und David Rodrigues Santos rücken ihren Tischdamen Juliana Amoah und Carmela Orlowski die Stühle zurecht Foto: Gehm
 
Jutta Spohrer vom Elternrat hatte die Idee zum Knigge-Kursus Foto: Gehm

Knigge ist wieder „in“. Crashkursus für Oberstufenschüler an der Sankt-Ansgar-Schule

Von Dagmar Gehm
Borgfelde
Wer sich gut benehmen kann, bei Tisch das richtige Besteck zur rechten Zeit führen kann, hat bessere Chancen im Berufsleben. Deshalb veranstaltet die katholische Sankt-Ansgar-Schule an der Bürgerweide immer mal wieder für Studienstufenschüler einen Knigge-Crashkursus mit anschließendem Candlelight Dinner. Die Cafeteria verwandelte sich ein stilvolles Restaurant, Sneakers wurden gegen High Heels, Jeans gegen Anzug getauscht.
Das Weinglas am Kelch anfassen oder am Stiel? Die Suppe von vorne nach hinten löffeln oder umgekehrt? Auf Einladung des Chefs ein teures Gericht bestellen oder lieber das billigste? Mit dem Essen beginnen, sobald es vor mir steht oder lieber auf die anderen warten? So viele Möglichkeiten, so viele Fallstricke. Um sich nicht darin zu verheddern sondern die Chancen auf einen geschmeidigen Übergang vom Schul- ins Berufsleben zu erhöhen, haben 32 Schüler der Studienstufe an der Sankt-Ansgar-Schule einen Benimmkursus belegt. Knigge light sozusagen, in 90 Minuten Coaching zu den Tücken bei Tisch, der richtigen Haltung beim Essen, beim Bewerbungsgespräch und ohnehin im Leben.

Noch scheint die Riege der Bestecke sperrig


Mucksmäuschenstill ist es im Klassenzimmer. So mancher Lehrer würde sich die ungeteilte Aufmerksamkeit im Unterricht wünschen. Aber schließlich sind alle Teilnehmer des Workshops freiwillig hier. Freiwillig werden sie später auch versuchen, das Gelernte bei einem Drei-Gänge-Menü in edlem Ambiente umzusetzen. Doch bis dahin muss der Unterrichtsstoff „Kleiner Knigge“ erst einmal bearbeitet werden. Dafür hat Susanne Pflaumbaum, Etikette-Trainerin und Vorstandsmitglied der deutschen Knigge Gesellschaft, den Pult im Klassenzimmer gedeckt und bittet die Teilnehmer nach vorn. Noch scheint die Riege der Bestecke, die sich links und rechts neben dem Teller reiht, sperrig. Doch dann wird alles ganz einfach, denn die Expertin klärt auf: „Immer von außen nach innen benutzen.“ Humorvoll korrigiert sie nicht nur, wie Messer und Gabel zu halten oder die Serviette zu falten sind, sondern auch das Vorurteil, dass es Adolph Freiherr von Knigge nur um starre Regeln ging.

Mag mir der andere beim Essen zuschauen?


„Wie mache ich mir das Leben leicht?“ soll sein Sendungsbewusstsein im 18. Jahrhundert stattdessen gelautet haben. Es hat bis heute seine Gültigkeit behalten. Und so bekommt das Löffeln der Suppe aus dem Teller vom körpernahen Tellerrand hin zum äußeren, also von hinten nach vorne, auch einen Sinn – nämlich auf diese Weise zu vermeiden, Hemd oder Bluse voll zu kleckern. „Die Tischsitten sind uralt“, sagt Susanne Pflaumbaum, „und sie entwickeln sich immer weiter. Doch immer geht es darum, dass sich der andere wohlfühlt in meiner Gegenwart. Die Frage lautet also: Mag er mir beim Essen zuschauen oder wird ihm schlecht?“
So weit will es niemand kommen lassen. Manche haben schon von zuhause gutes Rüstzeug mitgebracht. „Meine Mutter hat mich angemeldet“, sagt Julius Rust. „Sie möchte einfach bestätigt wissen, dass alles richtig ist, was sie mir beigebracht hat.“ Trotzdem – einiges gibt es immer noch zu lernen. „Ich wusste nicht, dass man Brot, das vorweg gereicht wird, nur in jeweils kleinen Häppchen bestreichen und essen sollte“, staunt Jeffrey Truong. Der 16-jährige mit chinesischen Wurzeln gehört zu einer von 32 Nationen an der Sankt-Ansgar-Schule. Sie kommen aus unterschiedlichsten Kulturen, am „Tag des Benehmens“ für 22,95 Euro inklusive Dinner auf einen Nenner gebracht.
Die Idee dazu lieferte Jutta Spohrer, Vorstandsmitglied des Elternrats. „Katholische Schule, oh wie spießig!“ denken viele, meint Jutta Spohrer. „Doch das stimmt nicht. Wir wollen den internationalen Schülern etwas mit auf den Weg geben, in der Kantine etwas pflegen, was abseits des Mensabetriebs viel mit Kultur zu tun hat. Und verhindern helfen, dass jemand keinen Job bekommt, bloß weil er nicht weiß, wie eine Serviette gefaltet wird.“ „Gern hat Dr. Maria Meyer zu Natrup vom Schulleitungsteam, die Idee zur Berufsvorbereitung aufgeeriffen: „Wir wollen weltzugewandte Abgänger haben, die sich zu benehmen wissen. Deshalb bieten wir eine ganzheitliche Erziehung im jesuitischen Sinne.“
Perfekt in Szene gesetzt wird die festliche Veranstaltung durch Kleinhans vom Campus Catering Norderstedt. „Gemeinsames Essen trägt zur Kommunikation bei. Noch vor hundert Jahren wurde am Tisch noch das ganze Leben entschieden – wer den Hof erbt, oder wer wen heiratet.“ Deshalb liefert der engagierte Caterer zum Candlelight Dinner auch nicht irgendein null-acht-fuffzehn Menü sondern lässt es von Küchentalent Jan Lucht zubereiten. Der Jungkoch zaubert Kürbiscremesuppe mit Kokosschaum und Minze-Baguette als Vorspeise, Hähnchenbrustfilet mit Orangen-Ingwersauce, Wirsinggemüse und Wildreis zum Hauptgang, und Waldbeere mit Schokomousse als Dessert. Nur alkoholische Getränke werden nicht ausgeschenkt. Selbst zum Stehempfang nicht. Damit sich auch die nächsten Gäste auf das Ereignis im kommenden Jahr einstimmen können, muss Klasse 10 unter Leitung von Roberto Lehmann, der aus der Gastronomie kommt und im normalen Leben Elternratsmitglied ist, schon mal als Kellnerteam fungieren. Formvollendet mit roter Schürze, schwarz-weiß gestreifter Weste und roter Fliege.

Pianomusik und Herzklopfen


Inzwischen hat Klasse 11 in schicker Kleidung an den fein gedeckten Tischen Platz genommen. In Kerzenlicht getaucht, von Pianomusik begleitet und von ein bisschen Herzklopfen auch. David Rodrigues Santos, Juliana Amoah und Jeffrey Truong tragen wie selbstverständlich Kleid und Anzug: „Das sind wir von der Tanzstunde schon gewohnt.“ Auch Carmela Orlowski, die 2014 den Bertini-Preis für Zivilcourage verliehen bekam, fühlt sich wohl im schwarzen Spitzenkleid. „Es gefällt mir, die Schule mal von einer anderen Seite aus zu sehen. Die Cafeteria besuchen wir sonst nur kurz, heute genieße ich es sehr, in dieser stimmungsvollen Atmosphäre hier zu sitzen.“
Und zwischendurch immer mal wieder die sanfte Kontrolle von Susanne Pflaumbaum: „Das Messer nicht wie einen Dolch benutzen“, oder „das Stielglas bitte am Stiel anfassen“ bis zur leichten Korrektur der Haltungsnote. Doch die meisten haben vorher gut aufgepasst. Der alte Spruch „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ bekommt an diesem Tag einen ganz neuen, realen Sinn.
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