Ein Paket vom Zoll holen - das dauert in Hamburg

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Aufgerissen, ausgepackt, für heil befunden: Um ein Paket vom Hauptzollamt abzuholen, brauchen die Kunden viel Geduld Fotos (3): reba
 
Lange warten, um Geld loszuwerden: Die Zollquittung - fast eine Trophäe

Wochenblatt-Autor Matthias Rebaschus über eines der letzten Großstadt-Abenteuer in einem Amt in der HafenCity

Hamburg. Dies ist eine Abenteuergeschichte aus dem modernsten Großstadtdschungel. Sie spielt hinter den Rotklinkermauern eines Eckhauses an der Koreastraße in der Hafencity. Hier liegt das vielen Hamburgern gänzlich unbekannte „Hauptzollamt Hamburg-Stadt“; und wer jemals ein zollpflichtiges Paket aus dem Amt holen will, der wird dieses mehrstündige Abenteuer persönlich nacherleben können. Für das man Nerven wie Drahtseile, etwas zu Trinken, eine Banane vielleicht und verdammt viel Glück braucht.
Denn hier spielen sich Nerven zerfetzende Szenen ab - mit Menschen, die wutschnaubend einfach davon laufen und das Paket einfach Paket sein lassen. Oder mit anderen Menschen, die stundenlang wie angewurzelt an einem Pfeiler stehen, und mit leerem Gesicht wie Schaufensterpuppen vor sich hin starren. Man begreift: Im modernsten Teil von Hamburg geht es wie zu Kaisers Zeiten zu.
Ja, ich habe in dieser Geschichte viel Glück gehabt. Das Glück brachten zwei Helden: eine Künstlerin, die aus Israel Keramik per Paket nach Hamburg schickt. Und ein, junger Mann mit tätowierten Armen, der mich im Hauptzollamt schließlich rettet...

Paket aus Israel

Das fragliche Paket aus Israel war an meine Freundin adressiert, aber dort nicht angekommen, sondern im Zoll hängen geblieben. Ich sollte es als ihr Vertreter abholen. Sie könne ja einen Vertreter schicken, heißt es in dem Schreiben der Deutschen Post. In dieser „Mitteilung über die Zollbehandlung einer Postsendung“ wird auch aufgeführt, was man zur Abholung derselben mitbringen muss: die Rechnung aus Israel zum Beispiel, die wir nicht haben. Doch die meine Heldin, die Keramik-Künstlerin Irit Goldberg, nachts aus Jaffa zumailte.

Schlange vor Öffnung

Kurz vor der Öffnung um acht Uhr bin ich im Amt der sechste in einer Schlange, die hinter mir schnell wächst. Kann ja eigentlich nichts schief gehen.Neben dem Raum mit dem Empfangstresen und den Sitzplätzen liegt der Ausgaberaum mit vier Ausgabeschaltern und einem Schalter, wo man anfangs seine Papiere abgibt und eine Wartenummer erhält.Dort begutachtet ein Zollmitarbeiter mit trägem Blick über den Brillenrand meine Papiere. „Wo ist die Vollmacht der Adressatin?“ will er wissen. „Habe ich leider nicht. Kann ich aber besorgen: per Smartphone.“

Papier statt iPhone

„Geht nicht, ich brauche das in Papier zum Abheften, haben Sie kein Fax?“ „Schon seit 15 Jahren nicht“, sage ich und kann mir einen Hinweis nicht verkneifen: Dass ich auch nicht mehr Postkutsche fahre.
Das hört mein Retter, der Held im T-Shirt, der aus dem Hintergrund lächelnd kommt. Er sagt: „Ihre Freundin kann die Vollmacht an meine Zoll-Email-Adresse senden, ich drucke sie dann aus.“
Das Senden dauert keine fünf Minuten. Doch meine schöne niedrige Wartenummer muss ich zurückgeben.
Nach einer halben Stunde kommt mein Retter fröhlich winkend mit der ausgedruckten Vollmacht. „Meine Büromail ist langsam. Manchmal dauern meine Mails zwei Tage hier beim Zoll...“

Nummer 26

Nun bin ich nach erneutem Schlangestehen, die Nummer 26 und noch mehr zwei Stunden vom Paket entfernt. Die wenigen Sitzplätze (für die Menschen mit den Wartenummern) unter der Anzeigetafel, gegenüber dem Empfangstresen sind belegt. Dort werden auf einer elektronischen Tafel die Warte-Nummern angezeigt, wenn das Paket gefunden ist. Poppt dort eine neue Nummer auf, hört man ein „Ping“.
Die erste Stunde ist vergangen. „Für 20 Nummern brauchen die hier eine Stunde, wenn es gut geht“, erklären zwei Männer. Es geht nicht gut: Nach anderthalb Stunden kocht ein Wartender vor Wut. „Mehr Zeit habe ich nicht“, sagt er und geht. Ich gehe auch raus zum Spazieren und Luft holen.

Vor Wut gegangen

Bei der Rückkehr höre ich Wartende flüstern: „Schon wieder sind drei vor Wut gegangen.“ Nach mehr als zwei Stunden poppt meine Nummer 26 auf.
Am Schalter 2 wartet mein Retter mit dem Paket. Was darin sei, fragt er. „Keramik“, sage ich. Ob ich es aufmachen wolle, denn die Keramik könnte auf der langen Reise kaputt gegangen sein. „Wenn es kaputt ist, schicken wir es zurück, und Sie müssen nicht die Steuer zahlen“, sagt der Beamte. Das überzeugt mich. Mit einem Teppichmesser schlitzt mein Held das Paket schnell auf. Alles heil.
Doch mitnehmen kann ich das Paket nicht. Zahlen kann ich auch nicht am Ausgabeschalter.
30 Stufen geht es in den zweiten Stock, wo ich in der Zahlstelle 20,80 Euro Zoll und 36,89 Steuer zahlen muss, um den Stempel mit dem Bundesadler und „Hamburg-Stadt“ zu erhalten. Dann zurück zur Ausgabe. Mit jeder Treppenstufe nach unten steigt meine Laune.
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