Ein Stadtteil hilft umziehen

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Bei der Schlüsselübergabe hatten die Protestler einen Gang gebildet, durch den der Vermieter zum Abschied in den Laden gehen sollte. Foto: Grell

Buchhandlung Wohlers packt die Bücher

Von Karen Grell
St. Georg. Jürgen Wohlers steht der Schweiß auf der Stirn. „Meine Freundin hat schon Flüge in den Süden rausgesucht“, versuchte er zu scherzen, als kürzlich die ersten Bücherkisten eingepackt wurden. Gut meint es die Freundin mit Sicherheit, denn Jürgen Wohlers hat die wohl härtesten Monate seiner Buchhändler-Karriere hinter sich. Die Kündigung durch seinen jetzt ehemaligen Vermieter Frank Jendrusch vor ein paar Monaten, dann die überzeugende Solidarität aus dem Stadtteil, der darum gekämpft hat, den alteingesessenen Laden an seinem Standort zu belassen und am Ende danndoch das Aus. Alle Rettungsversuche von Schweizer Hoteliers, Solidaritätsaktionen und Vermittlungsversuchen waren am Schluss gescheitert. Zurückgeblieben ist dennoch ein akzeptables Ergebnis mit einem Umzug des Ladens aus der Langen Reihe 68 in die Nummer 38. Eine mehr als halbjährige Auseinandersetzung ging an diesem Morgen nach Weihnachten zu Ende. Das Ringen um die Traditionsbuchhandlung Wohlers hat sich schließlich doch gelohnt und den schweren Umzug musste der Buchhändler in einem Viertel wie St. Georg selbstverständlich auch nicht allein bewältigen.
Bis zu 80 St.Georger waren in den Tagen des Umzugs zwischen 9 und 19 Uhr vor Ort, um beim Packen, Tragen, der Inventur und dem wieder einräumen zu helfen. Da das zukünftige Ladenlokal, direkt am Carl-von-Ossietzky-Platz, erheblich kleiner ausfällt als die bisherige Buchhandlung, muss ein großer Teil der Bücher zunächst eingelagert werden. „Mir tut zwar heute der Rücken weh“, lacht Jürgen Wohlers, „doch ich bin einfach nur glücklich, dass es so gekommen ist“.
„Ein Stadtteil zieht um!“, das war die Parole des Einwohnervereins in den vergangenen Tagen und „Wohlers bleibt, dafür sorgen wir!“. Der Protest gegen den Mietenwahnsinn im Allgemeinen und den bisherigen Vermieter Frank Jendrusch im Besonderen, der mit einer Verdreifachung der Miete die Buchhandlung vor das Aus gestellt hatte, wurde bis zur Schlüsselübergabe fortgeführt. Als diese an den Makler des Vermieters Frank Jendrusch ein paar Tage später anstand, waren die Protestler der vergangenen Monate zugegen. Sehr zum Ärger des Verwaltungsunternehmens, das sich erhofft hatte, die ungemütliche Angelegenheit jetzt endgültig beenden zu können. „Eine halbe Stunde warteten die Vermieter noch im verschlossenen Laden, um sich dann davonzuschleichen“, beobachtete Michael Joho vom Einwohnerverein, der die Hilfsaktion mit organisiert hatte.
Die Ära Wohlers in der Langen Reihe 68 ging somit zu Ende. Eine andere beginnt jetzt vielleicht mit neuem Schwung ein paar Häuser weiter. „Wohlers wird wie ein Mahnmal gegen den Mietenwahnsinn in Erinnerung bleiben“, so Rolf Becker, der ebenfalls zur Schlüsselübergabe gekommen war. In dem neuen Laden in der Langen Reihe 38 gibt es ab sofort wieder Bücher zu kaufen „und sollte es zunächst aus Kartons sein“.
Vielleicht kann Jürgen Wohlers dann ja auch mal ein paar Tage Urlaub machen. (kg)
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