Ein Stück Heimat in Hamburg

Anzeige
Kurzer Weg von der Costa neoRomantica: Diese Seafarer‘s Lounge befindet sich im Cruise Terminal in der HafenCity Foto: Gehm
 
In den Strandkörben vor der Seafarer‘s Lounge lässt es sich wunderbar skypen und chatten Foto: Gehm

Kaffee, Klatsch, Kosmetika und mehr: In den „Seafarer's Lounges“ werden Schiffs-Crews umsorgt

Von Dagmar Gehm
Hafencity
Hamburger Hafen! Für Touristen ein ganz besonderes Highlight der Hansestadt. Doch Tausende von Meilen von zuhause entfernt, ist er für Seeleute weitab von jeglicher Romantik ein Ort der Notwendigkeit, den sie hinnehmen wie Sturm und Wind, wie Ebbe und Flut. Nur der Name des Schiffes, das gerade am Pier des Cruise Terminals HafenCity dümpelt, ist Programm: „Costa neoRomantica“.
Um ein paar Hundert Besatzungsmitgliedern die Wartezeit bis zum Ablegen zu verkürzen, bietet das Gemeinschaftsprojekt der Seemannsmissionen Hamburg-Altona und Hamburg-Harburg mit den Seafarer‘s Lounges auch den Besatzungen von Kreuzfahrtschiffen einen Ankerplatz auf Zeit. Sie wurden an den drei Cruise Terminal-Standorten in der HafenCity, in Altona und seit neuestem in Steinwerder ins Leben gerufen – als Ergänzung zum International Seamen‘s Club Duckdalben, der Seemannsmission Altona sowie dem Seemannsheim Krayenkamp. Insgesamt 160-mal wird Hamburg 2015 von Kreuzfahrtschiffen angesteuert, die insgesamt knapp 100.000 Crewmitglieder in den Hafen bringen. Nicht alle Seeleute haben Landgang. Zeit für einen Sprung in die Seafarer’s Lounge können sich aber viele gönnen.

Nur wenig Zeit an Land


Wie Rose Mary Bezerra aus Brasilien. Die 33-jährige zählt zu einer von 39 verschiedenen Nationalitäten der 610-Mann starken Besatzung auf dem italienischen Schiff. Zum zweiten Mal nutzt die attraktive Südamerikanerin die Seafarer‘s Lounge, seit sechs Monaten arbeitet sie im Duty-Free-Geschäft an Bord. „Solange wir im Hafen liegen, sind die Läden auf den Schiffen geschlossen, deshalb habe ich frei und nutze die Zeit, um Geld nach Hause zu schicken.“
Markus Wichmann, 41, leitet die drei Anlaufstellen für Crews von Kreuzfahrtschiffen: „Fast alle überweisen Geld an ihre Familien. Ihre Ausbildung wurde von der Familie finanziert, also müssen sie sie jetzt auch unterstützen. Wir helfen bei den Überweisungen. Hamburg ist ein ‚turn in – turn off-Hafen‘, hier findet der Passagierwechsel statt, also gibt es entsprechend viel zu tun an Bord, und die Crews haben nur wenig Zeit an Land.“

Stück Heimat in Hamburg


So unterschiedlich die Cruise Terminals, so verschieden sind auch die Seafarer‘s Lounges. Untergebracht in einem fensterlosen Raum, bietet sie in der HafenCity keine großen Möglichkeiten. Zum Skypen und Chatten mit Zuhause ziehen sich die Seeleute meist in Strandkörbe oder an Tische in der Terminalhalle zurück. In Altona werden lediglich an einem Infocounter Telefonkarten verkauft. Den Namen Lounge verdient das „Stück Heimat in Hamburg“ am ehesten in Steinwerder. In einer schicken Küchenzeile können sich die Besucher gegen eine kleine Spende Kaffee kochen, außerdem Suppe und Kaltgetränke für einen Euro. „Bei offenem Fenster profitieren auch die an Bord gebliebenen im Crewbereich von der Reichweite des WLAN“, weiß Mitarbeiter Christoph, „weil die Schiffe direkt davor festmachen.“ Wie Rekordhalter „Aida Bella“, die Steinwerder immer sonnabends ansteuert.

(Fast) alles, was das Seemannsherz begehrt


Nur bei längerem Landgang lautet die erste Frage der Seemänner: „Wo geht’s nach St. Pauli?“ Doch da die Verkehrsanbindung in die City noch nicht ausgereift ist, kommen viele Crewmitglieder nur bis zur Lounge. Für ein paar Stunden scheint in dieser Oase der Gestrandeten die Rangordnung außer Kraft gesetzt. Neben dem Steward „skyped“ der Steuermann, geduldig wartet Schiffsoffizier Paul San Diego in schmucker Uniform hinter dem Maschinisten im Blaumann auf ein Leihtelefon, um damit nach Kuba zu telefonieren. Fünf Euro kostet eine Stunde, viel günstiger als mit dem Handy. Während in der HafenCity für WLAN ein Euro pro Stunde berechnet wird, ist es in Steinwerder gratis. Und richtig schnell noch dazu: Man hat in fünf Minuten drei Filme runtergeladen.
Ansonsten findet das Seemannsherz in den Seafarer‘s Lounges (fast) alles, was es auf großer Fahrt begehrt. Süßigkeiten, Snacks, Kosmetika und Hygieneartikel für Männer und Frauen, Duft-Gel für die stickigen Mannschaftskabinen, Souvenirs. Alles zu sehr günstigen Preisen. „Manche gehen an den Regalen entlang und nehmen mit dem Smartphone die Schokolade auf, damit die Lieben auf den Philippinen oder in Indien ihre Lieblingssorte bestellen können“, sagt Wichmann.

Gespür für Nöte


Als „erste Anlaufstelle für Seeleute“ ist Wichmann als Seemannsbetreuer auch auf seelische Nöte geschult. „Ich habe ein Gespür dafür entwickelt“, sagt der 41-Jährige. „Wenn jemand zum Beispiel nach vielen Dingen fragt, die er mit Sicherheit gar nicht braucht, merke ich, dass er eigentlich das Gespräch sucht.“ Die meisten Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Wie Christoph Althaus (20), der seit August 2014 im Bundesfreiwilligendienst dabei ist und bald sein Filmstudium beginnt. „Die Lounges sind eine tolle Einrichtung“, sagt er. „Ich habe mal im Supermarkt gejobbt, aber hier habe ich das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun.“
16 Uhr im Hamburger Hafen. Kiran Karthik aus Mumbai sitzt vor dem Bildschirm. Vor ihm erscheint via Skype ein hübsches Mädchen auf der anderen Seite des Erdballs. „Daheim ist jetzt schon abends. Gleich wird sich meine Verlobte mit Freundinnen treffen und über das Brautkleid beratschlagen. Wenn im August mein Vertrag auf der Costa neoRomantica ausläuft, werden wir heiraten“, sagt der Seemann. Das Mädchen auf dem Laptop lächelt.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige